Sind Tablet PCs wirklich der Stein der Weisen?

Nachdem Apple riesige Erfolge feiert und Amazon mit dem Kindle Fire schon als nächstes Erfolgsmodell gesehen wird, geht scheinbar “alle Welt” davon aus, dass zukünftig nur noch Tablet PCs verkauft werden und diese die Desktop-PCs und Notebooks ablösen. Ich weiß aber nicht, mir stellt sich nämlich die Frage, ob Tablet PCs als solche und speziell mit iOS oder Android (ggf. mit Windows 8 sobald verfügbar) wirklich das Nonplus-Ultra darstellen oder einfach nur eine Modeerscheinung sind.


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Vielleicht liege ich ganz einfach mit meinem Bauchgefühl daneben oder werde einfach langsam alt und kann die Welt nicht mehr verstehen. Hier einfach mal ein paar Erfahrungen, die ich im letzten Jahr mit Tablet PCs so gesammelt habe.

iPad: Nettes Gerät, aber Apples Konzept mit iOS ist einfach Mist

Mit meinem iPad, welches ich seit Ende 2010 habe, werde ich einfach nicht “warm”. Klar, das iPad ist vom Design und der Verarbeitung einfach gut – auch die Bedienung per Finger ist bei iOS in Ordnung. Im Detail stören mich aber extrem viele Sachen, wo die Apple-Leute einen Ansatz nicht zu Ende gedacht haben. Zwischenzeitlich bin ich zur nüchternen Erkenntnis gelangt, dass ich offenbar nicht zur Apple-Zielgruppe für das Teil gehöre.

Einen ersten Rand über die grundsätzlichen Probleme habe ich in diesem Artikel abgelassen. Einen noch differenzierten Blickwinkel der Generation 50+ habe ich hier zugrunde gelegt. Nach fast einem Jahr iPad bin ich schon sehr konsterniert über das, was mir Apple einfach nicht zugestehen will. Theoretisch müsste sich mit der Hardware richtig was machen lassen – praktisch schiebt Apple bei vielem einfach einen Riegel vor. Ich müsste mit Jail-Breaks arbeiten und ständig nachflicken – was ich nicht will – das Gerät soll’s out-of-the-box können.

Ich erwische mich daher mittlerweile immer wieder, dass ich nun doch schnell das Netbook mit Windows starte, weil eine Funktion (und sei es schlicht posten in Foren oder in Google+) unter iOS nicht korrekt funktioniert.

Zwiespältige Gefühle bei Android-Geräten

Bei Android Tablet PCs hege ich ebenfalls gemischte Gefühle. Ist schon eine Menge Holz, was einem Hersteller wie ASUS oder Acer für die Android Flagschiffe abknöpfen wollen. Ein paar Exemplare hatte ich zum Testen – und irgendwie kann man damit auch arbeiten. Aber so richtig Freude kommt dann doch nicht auf.

Da hakelt es bei der App-Installation, der Android Market will nicht so oder es hängt sich mal wieder was auf: Von App-Abstürzen bis hin zu Android-Hängern habe ich alles dabei gehabt. Dachte schon, es liegt an mir bzw. den von mir getesteten Geräten. Aber nun bin ich auf diesen ZDNet.com-Artikel gestoßen, der irgendwie meine Erfahrungen ziemlich bestätigt. Early Adoters und Tech Geeks werden sich davon nicht abhalten lassen. Aber Otto Normaluser wird daran keine Freude haben.

Wird Windows 8 es richten?

Und wie schaut es mit Windows-Tablets aus? Ich experimentiere jetzt eine ganze Weile mit Windows 8 (Developer Preview) und habe diese auch auf Tablet PCs und auf Touchscreen-PCs getestet. Einerseits ist das Konzept von Microsoft ja genial: Ein “ausgewachsenes” Betriebssystem mit Touchoberfläche anzubieten, was auch auf Tablet PCs läuft.

Drucken – kein Problem, Zugriffsrechte auf Dateiebene – ist bei Windows 8 an Bord, Anwendungen abseits des App-Stores installieren – geht wie gewohnt. Die Liste der Anforderungen lässt sich fortsetzen und immer lautet die Antwort: Ist problemlos möglich. Und ich finde es ganz genial, ein Tablet PC mittels USB-Festplatte, USB-Tastatur, USB-Maus und einem externen Monitor in einen ausgewachsenen Computer zu verwandeln (quasi ein hybrides Tablet, welches auch einen Windows 8 Computer darstellt).

Aber: Was mich aber frustriert, ist die Touchbedienung der Developer Preview. Gut, ist noch ein sehr “early state” und man sollte zurückhaltend sein. Was ich bisher aber bei meinen Tests (Dell Inspiron One, WeTab Tablet PC, Touch Simulator) gesehen habe, ist weit davon entfernt, praktikabel nutzbar zu sein. Ich werde noch ein Video online stellen, wo die vergebliche Touchbedienung durch Wischen oder Antippen zu sehen ist.

Dachte erst, es hängt an meiner Windows 8 To Go-Installation, die ich von Festplatte bootet – oder es liegt am WeTab. Da ich aber mehrere Geräte getestet und auch mit einem Touch-Simulator experimentiert habe, schließt sich das Bild. Die Touch-Sensitivität ist nicht das, was ich erwarte und vom iPad (oder Android-Geräten) gewohnt bin. Zudem sieht mir die Windows 8 Touchoberfläche momentan noch sehr unstrukturiert aus. Mal muss ich von links zur Mitte wischen, dann von rechts zur Mitte ziehen, um den Shime-Bereich oder Fenster einzublenden. Dann gilt es, von oben oder unten zu wischen, um Optionen einzublenden – und dann wische und tippe ich schon mal 3 bis 10 Mal an einer Ecke, um eine Schaltfläche einzublenden oder eine Reaktion zu provozieren, ohne dass sich etwas tut.

Dies wird hoffentlich in der Beta korrigiert. Und es liegt nicht an mir, denn zufällig bin ich diese Tage bei Paul Thurrot auf einen Artikel gestoßen, wo er ebenfalls Missfallen bezüglich Windows 8 bekundet. Er bezieht sich zwar nicht auf die Touchoberfläche – aber seine Erfahrungen (einschließlich Disk-Fehlern) kann ich nachvollziehen, obwohl ich diese für die Developer Preview nicht allzu stark bewerten würde – in der Beta muss Microsoft aber zulegen.

Broken by design?

Ein spezielles Problem haben Windows 8, iOS und auch Android in meinen Augen “by-design”: Die Freiheit der App-Entwickler, ihre Bedienelemente innerhalb des Anzeigebereichs der HTML-Seite frei unterbringen zu dürfen. In Windows gab es über Jahre so etwas wie “nutzbare user experience” – sprich: Als Benutzer, der von Windows 95 auf Windows 98, 2000, XP, Vista oder 7 umstieg, war klar, dass eine Anwendung am oberen Fensterrand ein Menü oder ein Menüband hatte. Und im Menü Datei oder im Anwendungsmenü des Menübands fanden sich die Optionen zum Zugriff auf Dateioperationen. Im Menü Bearbeiten bzw. in der Gruppe gab es ähnliches und so fort. Bei Mac OS X, welches ich gelegentlich nutze, ist es ähnlich (und manche Linux X windows manager agieren ebenso).

Was ich bei Tablet PC-Betriebssystemen aber sehe, stimmt mich nicht sonderlich optimistisch, zumindest nicht, was die leichte Adaptierbarkeit durch Benutzer betrifft. Es hat mich schon beim iPad tierisch geärgert, dass kein geschlossenes Bedienkonzept mit stringenten UI-Gestaltungsvorgaben existiert. Mal muss man auf den TouchScreen tippen, um unter iOS eine Bedienleiste am oberen Bildschirmrand einzublenden, mal muss man den Finger länger auf’s Display halten, um ein Menü zu öffnen. Dann finden sich die Bedienelemente einmal am oberen Bildschirmrand, bei der nächsten App (oder auch innerhalb einer App) wird man plötzlich mit einer Bedienleiste am unteren Desktoprand beglückt. Verwirrend bis unpraktikabel – und bei Windows 8 sieht es nicht besser aus.

Konkret: Ich werde bei Windows 8 das Gefühl nicht los, das Microsoft nun “das Kind mit dem Bade ausschüttet”. 20 Jahre GUI-Design bei Windows werden mal schnell zugunsten einer neuen Oberfläche “weggekippt”. Bei Linux bin ich so was gewohnt, aber die haben unter 1% Marktanteil und sind auf dem Desktop-Markt nicht wahrnehmbar.

Wo es bei mir auch noch hakelt: Irgendwie werde ich bei Texteingaben mit den virtuellen Tastaturen einfach nicht warm. Entweder sind meine Finger zu dick, oder ich bin einfach nur von der hakeligen Eingabe genervt, bei der ich ständig zwischen Buchstaben und Ziffernebene umschalten muss. Das führte so weit, dass ich bei einem Android-Gerät über Wochen keinen Zugang zum Android Market bekam, weil ich es nicht geschafft habe, ein Kennwort korrekt einzutippen. Ein Tablet PC mit integrierter Tastatur (wie z. B. das Dell Latitude Inspiron Duo – oder ein Netbook mit umklappbarer Tastatur) finde ich da schon viel handlicher – obwohl ich momentan keinen Plan von der Halt- und Handhabbarkeit im praktischen Einsatz habe.  Unter dem Strich lautet mein Fazit bezüglich bisheriger Tablet PC-Erfahrungen: Nix halbes und nix ganzes …

[Update: Ist irgendwie ganz interessant – gerade auf diesen Artikel von Caschy zum ASUS Eee Pad Transformer Prime gestoßen. Auch da ist eine Affinität zu einer ausgewachsenen Tastatur festzustellen.

Und noch ein Nachtrag – Duplizität der Ereignisse – gerade bei ZDNet.com auf diesen Beitrag und diesen hier gestoßen. Irgendwie eine ähnliche Kerbe, in die die schlagen.]


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Über Günter Born

IT-Autor, Blogger borncity.de
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2 Antworten auf Sind Tablet PCs wirklich der Stein der Weisen?

  1. Michael sagt:

    Sehr geehrter Herr Born,
    dieser Beitrag spricht mir mehrfach aus dem Herzen. Besonders gefällt mir, wie leicht und doch fundiert sie Urteile fällen über die wirklich unbefriedigende Situation am Markt. Seit ich mir den ersten eee-PC zugelegt habe um mal wieder neue Wege zu gehen, auch ein Buch von ihnen zu Rate gezogen habe damals, mußte ich bis heute lernen, daß immer noch Computer nicht anwenderfreundlich sind. Das gilt auch für Apple Produkte, wie Iphone und Ipad, obwohl da schon so manches gut funktioniert.
    Mit dem so stark kontrollierten Konzept von Apple kann sich mein Herz nicht anfreunden, mit den teilweise schlampigen Android apps aber leider auch nicht. Von Microsoft wurden wir ja bis Windows Vista ständig betrogen und kräftig abkassiert (wer anständig gekauft hat).
    Jetzt stehe ich vor der Frage, welches Betriebssystem und welcher Pad-Computer auf meinem Schoß oder auch mal mit einer Tastatur meinen Lebens-Herbst (65 bin ich) begleiten kann. Zur Zeit habe ich noch einen meit zu warmen Netbook mit fast ständigem Stromkabel auf meinem Schoß im Wohnzimmer. Zwei weitere PC´s stehen im Haus für ordentliche Büroarbeit und als Musik-speicher. Dennoch glaube ich an die Möglichkeiten des Pad-prinzips. Ich möchte aber ganz bewußt nicht zum Hacker oder wie in den 70-ern zum Programmierer werden. Linux hat mir nie gefallen, weil ich es gern einfach haben möchte, als Anwender, der ja auch bezahlt, für die Ware. Schlechte Erfahrungen haben wir ja schon genug gemacht. Allerdings reizen mich schon die vielfältigen Möglichkeiten in möglichst einem Gerät, daß sich mit Smartphone und PC vernetzen läßt. Mit der Icloud und ohne Itunes auf einem Rechner geht es ja nun schon besser auf Ios5.1. Vielen Dank für ihre Beiträge, die meine subjektive Einschätzung mit Ihrem Erfahrungsschatz weitgehend bestätigt haben.
    ich gebe die Hoffnung noch nicht auf und lese gern, was sie über die neuen Generationen von Betriebssystemen und Hardware zum anfassen zu schreiben haben. Sind sie gnädig zu ihren Fingern, die immer wieder zu dritt auf die virtuelle Tastatur möchten, die sind ganz in Ordnung. Ob es Windows 8 schaffen wird uns zu begeistern oder nur zu frustrieren, werden wir sehen. Jedenfalls gibt es noch massig Stoff für Sie zum schreiben bis 67 und für mich zum lesen, wenn der Kopf noch lange mitmacht.

    Liebe Grüße
    Michael

  2. Günter Born sagt:

    @Michael: Ich hege die Hoffnung, dass die Generationen der 2012/2013 kommenden Ultrabooks vielleicht bezüglich “”Eierwärmer auf den Knien” Abhilfe schaffen – und wir werden abwarten müssen, was bei W8 wirklich raus kommt.

    Zu “Jedenfalls gibt es noch massig Stoff für Sie zum schreiben bis 67 und für mich zum lesen, wenn der Kopf noch lange mitmacht.” Bin mir gelegentlich nicht so sicher, ob ich das noch wirklich will. Gibt zu viel Mist, was uns täglich vorgesetzt wird. Vielleicht wärme ich mal meine Ideen auf, was mit Technik für “Generation 50 Plus” zu machen.

    Hoffen wir, dass unser beider Kopf noch länger mit macht ;-).

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