Microsoft wählt Pearson Publishing als MS Press-Distributor

Es gibt Tage, da denkst Du „Die spinnen ja, die Römer“. Genau so ein Tag ist heute mal wieder, als ich die Ankündigung in Wallstreet Online las. Der Pearson-Konzern wurde also von Microsoft ausgewählt, zukünftig (konkret 1.4.2014) Bücher unter dem Imprint Microsoft Press zu vertreiben …


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Fußkranke dieser Welt, vereinigt euch

Für die Leute, die im Buchmarkt nicht so ganz heimisch sind, ein paar Hintergrundinformationen. Pearson ist ein britischer multinational aufgestellter Medienkonzern, zu dem jetzt die US-Verlage Penguin und Random House gehören. Auch die Finanzial Times (kürzlich in Deutschland beerdigt) gehört zu diesem Sammelsurium. Pearson ist aber auch schon einmal aufgefallen, sich weltweit einen Gemischtwarenladen an Verlagen zusammen zu kaufen. Im Wallstreet Online-Artikel ist angegeben, das Pearson die Imprints Addison-Wesley Professional, Adobe Press, Cisco Press, IBM Press, FT Press, Microsoft Press, Peachpit Press, Pearson IT Certification, Prentice Hall Professional, Que, Sams, und VMware Press gehören. Der Umsatz betrug 2013 5,2 Milliarden Pfund (Steigerung um 2 %, Gewinn sank um 6 %). Hört sich nicht schlecht an. Wenn ich so meinen Buschfunk abhöre, gehört Pearson (zumindest gefühlt) aber irgendwie zu den Fußkranken der Branche, der nach einem Kauf irgend einer Beteiligung auch schon mal hunderte Millionen Miese in Großbritannien gemacht hat. Und der Buchmarkt ist nicht gerade im Aufwind mit dreistelligen Wachstumsraten, sondern krebst eher vor sich hin. Im IT-Bereich ist imho der Rückwärtsgang angesagt.

Und der andere Beteiligte? Microsoft ist der Laden, der mit Windows, Office und ein paar anderen Produkten herum macht, aber momentan Probleme hat, mit dem Takt der Entwicklung auf dem Markt für Betriebssysteme, Spielekonsolen, IT-Dienste, Smartphones und Tablet PCs mitzuhalten – geschweige denn, Entwicklungen zu prägen. Gut, Microsoft verdient immer noch ordentlich Geld – aber Techleadership wird zwischenzeitlich bei anderen Firmen vermutet.  Apple und Google holen da Microsoft an einigen Stellen die Butter vom Brot.

Auf den Punkt gebracht: Beide Unternehmen waren mal „Sterne“ in ihren Branchen. Aber beim Lesen der Kooperationsankündigung ging mir spontan folgender Gedanke durch den Kopf „da tun sich der Blinde und der Lahme zusammen, um die Welt aus den Angeln zu heben“. Aber diese Assoziation mag objektiv falsch sein.

Aber reichlich skurril bleibt es doch!

Als Autor, der die letzten zwei Jahrzehnte in der IT-Buchbranche verbracht hat, sind mir die Irrungen und Wirrungen – und vor allem die Torheiten des Managements in diversen Häusern nicht ganz verborgen geblieben. Zur Erinnerung:

  • Microsoft hatte mal einen eigenen Verlag, Microsoft Press, war ganz gut aufgestellt. Vor drei Jahren beschied das Microsoft Management, dass man keinen eigenen Verlag mehr wollte. Also wurde eine Vertriebspartnerschaft mit O’Reilly geschlossen – und O’Reilly übernahm weltweit die Microsoft Press Verlagsbüro, um lokal Microsoft Press-Bücher zu machen.
  • Pearson hatte vor ca. 10 Jahren in einer Art Einkaufstour auch mal Markt+Technik sowie Addison Wesley übernommen. Eigentlich die umsatzstärksten IT-Verlage im deutschsprachigen Raum. Vorigen Februar kam dann von Pearson das Aus für die IT-Verlagssparte (so, wie ich es mitbekommen habe, zumindest für Europa). Ich hatte im Artikel Aus die Maus für MuT und Addison Wesley …? berichtet, dass Markt+Technik und Addison Wesley abgewickelt wurden. Nach meinen Kenntnissen waren nicht „rote Zahlen“ sondern eine außerhalb Deutschlands gefällte Management-Entscheidungen die Basis – ich interpretiere es so, dass man keinen Zukunftsmarkt im Geschäft mit Computerbüchern mehr sah und die Reißleine zog. Man hat dann ein Lager mit riesigen Beständen verramscht, ein Lektorat, eine Herstellung, einen Vertrieb (mit entsprechenden Kosten) geschlachtet und der Autorenschaft hinsichtlich des Exits kräftig vor die Füße gepinkelt (ich wähle bewusst diese Formulierung).
  • Microsoft hat dann im vorigen November O’Reilly das Recht entzogen, zukünftig Bücher unter dem Impress Microsoft Press herauszugeben (siehe Aus für Microsoft Press ….). Bestehende Titel laufen weiter bei O’Reilly und der Vertrieb liegt (zumindest in Deutschland) weiterhin bei diesem Verlag. Am 1. April schließt das deutsche Microsoft Press Lektorat (und wie ich es mitbekommen habe, scheint das auch in anderen Ländern ähnlich gelaufen zu sein). Herstellung, Lektorat und Autorschaft des deutschen Microsoft Press-Verlags sind in alle Winde zerstreut. Bestehende deutschsprachige Microsoft Press-Bücher werden weiterhin von O’Reilly aufgelegt. Und als Insider weiß ich, dass O’Reilly nun die Perlen aus dem Microsoft Press-Programm übernimmt (die Verträge wurde ja sowieso seit drei Jahren mit O’Reily geschlossen – auch wenn auf dem Buchdeckel Microsoft Press stand).

Und nun? Alles auf Null und Neustart? Ab 1. April 2014 geht jetzt also Pearson (die 2013 ja aus dem IT-Buchgeschäft ausgestiegen sind) mit Microsoft Press (in den USA) an den Start. Und Bücher unter dem Label „Microsoft Press“ zu Produkten herausbringen wo Microsoft erklärtermaßen alle halbe Jahr ein Update seiner Produkte rausschieben will? Viel Spass! Die Manuskripte sind dann veraltet, bevor sie überhaupt gedruckt sind. Obwohl, diese Ränkespiele werden jetzt erst einmal nur Einfluss auf die USA haben – in Deutschland ist der Käse imho gegessen (da ist reichlich verbrannte Erde zurück geblieben). Unter dem Gesichtspunkt treibt mich die Frage um, welches Gras im Management bei Microsoft und bei Pearson geraucht wird? Oder sehe ich das mal wieder alles zu eng und verstehe die Welt nicht mehr? Bei uns auf dem Acker gab’s den Spruch „Rein in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln“ – nur ist das niemals gut gegangen.


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