Pleite durch Prepaid-Karten?

Vorkasse-Karten (Prepaid) sollen eigentlich vor finanziellen Risiken beim Mobilfunkbetrieb schützen. Durch einen Beitrag im Marktmagazin Mex wurde ich auf eine böse Falle aufmerksam, die Benutzer durchaus in den Ruin treiben können. 10.000 Euro Miese auf einem Prepaid-Konto, kann das sein?


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Unter [1, 2] habe ich hier im Blog ja bereits Möglichkeiten zur Abzocke per Mobilfunkvertrag mittels iPhone- und Android-Apps beschrieben und bin auch auf eine Initiative der Mobilfunkanbieter zur Eindämmung dieser Maßnahme eingegangen. Aber die Fallen werden nicht alle bzw. lauern an allen Ecken.

Prepaid ist Prepaid ist Prepaid – oder doch nicht?

Wer eine Prepaid-Karte benutzt, geht üblicherweise davon aus, dass maximal das per Vorkasse eingezahlte Guthaben verbraucht werden kann. Auf diese Weise habe ich seinerzeit meine minderjährigen Kinder vor horrenden Handy-Rechnungen geschützt. Recht unbekannt ist aber eine böse Falle, die bei einigen Anbietern von Prepaid-Tarifen lauert. Das Marktmagazin Mex des hessischen Rundfunks befasste sich in einem Beitrag vom 27.4.2011 [(entfernt)] nicht nur mit Apples Datensammelwut, sondern berichtete auch von einem Betroffenen, dessen Prepaid-Karte mit einem Minus von über 4.000 Euro belastet wurde. Unter [9] kann das Transkript zum Beitrag beim SWR abgerufen werden.

Eine Recherche: Der reinste Horror …

Da ich mich ungern auf eine Stimme verlasse, begann ich mit einer kurzen Recherche, die mir dann die Haare zu Berge stehen ließe. “SimplyTel Prepaid – 10.111 Euro im Minus” war der erste Foreneintrag, der mir ins Auge sprang [6]. Die 4.000 Euro Miese sind also noch zu toppen. Unter [7] hat’s den Anwender angeblich “nur” mit 1.456 Euro Miese getroffen. Wer etwas länger recherchiert, stößt auf weitere Fälle.

Vorsicht: “Prepaid” ist nicht Prepaid ist nicht Datenflatrate

Hintergrund des Problems ist einerseits, dass die Betroffenen eines der modernen SmartPhones mit Internetzugang (z. B. Samsung Galaxy S) genutzt haben. Bei Android-Handys sind Apps dabei, die Datenverbindungen benötigen. Viele dieser Handys bauen daher automatisch eine Datenverbindung auf und checken zyklisch den Posteingang auf Mails oder verwenden andere Dienste. Dieser Internetzugang kann über verschiedene APN-Typen der Mobilfunkanbieter erfolgen. Je nach APN und Vertrag wird’s dann teuer. Nur wer (bei zeit- oder volumenabhängig abgerechneten Datendiensten) die betreffende Funktion zur automatischen Interneteinwahl im Gerät deaktiviert, verhindert, dass Daten über das Internet geladen werden. Unter [9] sind die technischen Hintergründe im Abschnitt “Komplizierte Einstellungen” kurz erklärt.


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Der zweite Stolperstein lauert beim speziellen “Prepaid”- Vertrag des Anbieters Simply (kann auch bei anderen Mobilfunkanbietern der Fall sein). Unter [5] wird kurz auf die Thematik eingegangen, aber wer kennt schon diese Seite. Auch im Prepaid-Wiki findet sich ein Artikel zu Pseudo-Prepaid und dem Problem negativer Guthaben [10]. Leider werden nur die wenigsten Anwender diese Seiten kennen.

Typischerweise wirft man nur einen Blick auf die Anbieterseiten. Wer die Simply-Homepage (Motto “simply und gut”) besucht, erfährt lediglich in einer Headline, dass es “keine Vertragsbindung” und “keine Grundgebühr” gilt. Der Rest ist “kalter Dampf”, der zur Vernebelung des Benutzers dient (aber Usus in der Branche zu sein scheint). Man sieht die betreffenden Angebote, erfährt aber keine Fakts.

SimplyTel Startseite

Nur wer auf den Link “Tarifdetails” klickt, gelangt zu einer “Übersicht”. Aber selbst ein Blick in die Tarifdetails offenbart nur, dass beim Tarif “simply friends4free” 50MB Surfvolumen frei sind.  Was das Surfen per Handy wirklich kostet, muss sich der sich Kunde über eine PDF-Dokumentdatei in der Rubrik “Tarifübersicht” ermitteln.

"Tarifdetails?"

Dumm nur, dass bei meinem Test der entsprechende PDF-Download mit der Tarifübersicht nicht möglich war! Es wurde lediglich eine .php-Datei zum Download im Browser bereitstellt (hier die Darstellung im Firefox  – im Internet Explorer ist es das Gleiche).

Download-Fehler

Der Kunde kann also die Tarifinformationen nicht abrufen! Nur die Servicepreise für Rufnummernmitnahme, Kartenverlust, Dienstesperren etc. konnten einwandfrei als PDF-Dokument über den zugehörigen Link heruntergeladen werden. Ein Schelm, wer böses dabei denkt – ich mag zwar nicht ausschließen, dass da ein “technisches Problem” dahinter steckt. Aber ist es wirklich vorstellbar, dass ein solcher Anbieter seine Seiten nach einer Änderung nicht mindestens dreifach überprüft? Nicht auszudenken, wenn die Schaltfläche “Jetzt bestellen” nicht funktionieren würde. “A Geschmäckle hat’s aba scho” wird der Schwabe sagen.

Juristisches Minenfeld – oder der Kunde ist immer am Arsch!

Bei meinen Recherchen bin ich auf einen heise.de-Artikel [4] aus 2009 gestoßen, wo das Problem bereits thematisiert wurde. Es gibt wohl auch ein Urteil (Landgericht Bonn, Urteil vom 1. Juni 2010, Az. 7 O 470/09) in einem ähnlichen Fall. Aber der Mobilfunkanbieter simply sieht dies anders. Liest man [9], kommt einfach nur die blanke Wut auf. Hätte der betroffene Anwender die Datenverbindung im Ausland genutzt, wären die Kosten gemäß den mittlerweile geltenden EU-Vorschriften bei 50 Euro gekappt worden. Da die ungewollten Datenverbindungen aber in D-Land aufgelaufen sind, musste der Benutzer laut Markt-Check einen 24 Monats-Vertrag abschließen, worauf die Rechnung von simply “kulanterweise” auf 1.000 Euro reduziert wurde.

Mein Tipp: Als Eltern minderjähriger Kids bzw. als Nutzer von Handys bzw. Geräten, die mobile Datenverbindungen zulassen, sollte man sehr genau checken, ob man wirklich eine Prepaid-Karte hat. Und es empfiehlt sich, einen genauen Blick in die AGBs des Anbieters zu werfen. Bei meinen Vodafone Prepaid-Karten kenne ich es nur so, dass ich explizit den Zugriff auf’s Internet in einer angezeigten Internetseite für einen gewissen Zeitraum freischalten lassen muss. Dort werden die Kosten detailliert aufgelistet und bewegen sich im “kleinen Rahmen”, wenn man mal ein paar Tage online sein will. Gut sind auch Anbieter wie Fonic, die z. B. Datenflatrates pro Tag mit einem maximalen Kostenlimit von z. Z. 25 Euro pro Monat ermöglichen. Im Markt-Check-Beitrag [9] finden sich weitere hilfreiche Tipps, auf was man achten sollte und wie man “unechte Prepaid-Karten” erkennen kann.

Update: Unter [12] findet sich eine kurze Meldung bei Heise.de, wo ein Mobilfunkkunde sich erfolgreich gegen eine Handy-Rechnung für mobile Datennutzung gewehrt hat.

Links:
1: Neuer Cybertrick zur Abzocke
2: Wollen Mobilfunkanbieter uns vor Handy-Abzocke schützen?
3: (entfernt) (Mex-Beitrag)
4: Minus auf dem Prepaid-Konto (heise.de)
5: Kostenfalle mobiles Internet
6: SimplyTel Prepaid – 10.111€ im MINUS!
7: Simplytel Minus- Vor Gericht ?
8: Simply Homepage
9: Handyfalle: Hohe Schulden trotz Prepaid-Karte?
10: Pseudo-Prepaid
11: Neuer Fonic Tarif für Smartphones
12: Gericht wiederspricht 1600-Euro-Forderung

 


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