Mail-Update: Microsoft signalisiert indirekt das Problem des Modern UI-Ansatzes

Microsoft hat heute ein weiteres Update für einige Apps, u.a. die Kombi-App für Mail, Nachrichten und Kontakte ausgerollt. Ich hatte das hier angekündigt und einige neue Features beschrieben. So ganz nebenbei hat Microsoft eine unscheinbare Änderung vorgenommen, die ich als indirektes Eingeständnis werte, dass der Ansatz der Modern UI-Apps irgendwie in die Hose gegangen ist.


Anzeige

Schön klar – die Oberfläche der Windows-Anwendungen

Bei Windows-Anwendungen gibt es noch Programmfenster, die am oberen Rand eine Menüleiste, manchmal eine Symbolleiste oder ein Menüband zeigen, über die man Funktionen aufruft. Und wer mit einer Windows-Anwendung arbeitet, profitiert vom Wiedererkennungswert für diese Bedienelemente. Microsoft legt großen Wert darauf, dass seine Windows GUI- und Interface Design-Regeln eingehalten werden. Als erstes Element findet sich immer Datei, in dem es auch einen Druck-Befehl gibt (sofern unterstützt). In diesem Menü  suchte man andererseits Befehle zum Zugriff auf die Zwischenablage oder zum Umschalten der Ansicht vergebens. Denn diese Befehle landen logischerweise in Menüs wie Bearbeiten oder Ansicht. Und bei den Symbolleisten oder den Registerkarten des Menübands ist  es ähnlich – viele Bedienelemente finden sich immer an den gleichen Stellen.

Routine ist der Feind des Kreativen

Daher denken wir  überhaupt nicht mehr nach, wenn es um das Öffnen von Dateien, das Speichern oder das Drucken von Dokumenten ging. Man hat es quasi mit “der Muttermilch eingesogen”, oder es doch – sofern man der Muttermilch-Aufnahmephase schon entwachsen war – “quasi im Schlaf verinnerlicht”. Irgendwie ist das alles intuitiv oder man sieht die “Drucken”-Funktion im Fenster.

Ist natürlich alles “old school”, braucht man heute nicht mehr wirklich. Denn wir haben ja Apps, diese kleinen geilen Dinger, die man überall trifft, die alles können und zu denen man noch nicht mal eine Funktionsbeschreibung braucht.

Was ist Sache?

Ok, ok, ich komme zum Punkt, gleich! Bei Windows 8 gibt es seit Anbeginn ja eine Mail-App – und im Zeitalter des papierlosen Büros sind viele Zeitgenossen mit dem Ansinnen konfrontiert, eine Mail mal auszudrucken. Eigentlich kein Problem, man klickt im Mail-Fenster auf die Drucken-Schaltfläche und gut ist ….

Doof, dass es bei Apps keine Drucken-Schaltfläche gibt.In den Microsoft Answers-Foren hat das dann dazu geführt, dass immer mal wieder Anwender aufschlugen und fragten “ich will aber meine E-Mails ausdrucken”. Und ich habe Antworten von gestandenen Forenteilnehmern gelesen, dass das Ausdrucken nicht gehe – das habe Microsoft nämlich bei der Mail-App, wie bei Vielem anderen auch, schlicht vergessen.

Windows 8 Versteher-Kurs erforderlich

Getreu dem Leitspruch von Julie Larson-Green, “alles braucht seine Zeit” – gibt’s dann einen Windows 8-Versteher-Kurs.

Translation: Julie Larson-Green ist ihres Zeichens Vizepräsidentin für die Windows 8 Entwicklung bei Microsoft. In meinen Zeiten in der Großchemie und bei meinen Arbeitsaufenthalten in Japan haben wir diese “Vizepräsidenten” immer als Grüß- oder Frühstücksonkels bezeichnet. Die waren zur Beziehungspflege abgestellt, hatten aber von der Sache keine Ahnung. Frau Larson-Green hat mal in einem Interview von sich gegeben, dass man so 2 Tage bis 2 Wochen brauche, um Windows 8 zu verstehen. Soviel an Hintergrundinfos, um diesen Rant zu verstehen.

Um aus einer App zu drucken, klicken oder tippen Nutzer nicht auf eine schnöde Schaltfläche. Nein, da wischen wir mal schwungvoll vom rechten Bildschirmrand nach links zur Bildschirmmitte. Wenn die Cham-Leiste eingeblendet wird, ist das Charm Geräte zu wählen. Dann sollten die Drucker angezeigt werden. Drucker auswählen, Optionen einstellen und dann drucken – sind nur ein paar Fingerschnipps. Doof nur, dass der normale Anwender nicht intuitiv auf diesen Trichter kommt sondern rätselt, wie er wohl drucken kann.

Microsoft als Spielverderber?


Anzeige

Nach drei Büchern, die ich über Windows 8 abgeschrieben habe, war mir das so in Fleisch und Blut übergegangen, das ich meist intuitiv die “Charmsbar” zum Vorschein holen, um dann fluchend nach der Drucken-Schaltfläche zu suchen. So ganz auf Windows 8 gepolt bin ich wohl doch nicht, aber ich schwöre, ich hatte mir fest vorgenommen, noch härter zu üben.

Und nun? Mit der neuen Mail-App gibt es doch glatt eine Schaltfläche Drucken in der App-Leiste. Da braucht der Anwender doch nur die “Appbar” durch Wischen von unten oder per Rechtsklick einzublenden und kann eine Drucken-Schaltfläche anwählen. Dachte jetzt, ich könnte mein Windows 8-Versteher-Wissen hinter den Spiegel stecken. Aber so ganz nutzlos ist das Wissen doch nicht.

Denn das mit dem Drucken über die App-Leiste funktioniert maximal bei der Mail-App – alle anderen Apps, die sich an die von Microsoft vorgesehenen Regeln halten, haben diese  Schaltfläche in der App-Leiste nicht. Und wenn der  Anwender die Drucken-Schaltfläche in der Mail-App-Leiste anklickt, landet er auch in der Seitenleiste Drucken (beim Weg über die Charms-Leiste und das Symbol Geräte heißt die Seitenleiste halt “Geräte” und weist ggf. den zusätzlichen Eintrag “Zweiter Bildschirm” auf). Nix neues im Westen – außer, dass man bei der Mail-App plötzlich eine Extrawurst brät.

Conklusio in Reinkultur

Zur Erinnerung: Drucken ist normalerweise eine Funktion, die bei allen Apps zwingend über die Schaltfläche Geräte der Charms-Leiste aufgerufen wird (sieht das Konzept von Microsoft so vor). Der Umstand, dass nun eine Drucken-Schaltfläche in die Mail App-Leiste gewandert ist, kommt dem Eingeständnis Microsofts gleich, dass man mit der Modern UI auf ganzer Linie irgendwie versagt hat. Die neue Schaltfläche  ist Folge der Tatsache, dass das Groß der Anwender einfach die Funktion zum Drucken nicht gefunden hat. Die nun eingeführte Drucken-Schaltfläche macht das Ganze aber auch nicht besser. Im Gegenteil, denn jetzt darf ich raten, ob eine App nun per Charms-Leiste oder per Schaltfläche der App-Leiste zum Drucken gebracht wird.

Vom Gefühl her heißt das auch: Alles zurück auf Anfang. Denn vor Einführung von Windows 8 gab es in der RP- und RTM-Phase schon mal Updates, wo Microsoft eine ganze Reihe Schaltflächen im Wochentakt geschlachtet, umbenannt und anders positioniert hat, um “der reinen Windows 8-Lehre” zu entsprechen. Hat dann dazu geführt, dass ich mich ganz frustriert genötigt sah, einen Textvorspann zu meinen Errata auf dieser Buchseite zu veröffentlichen. Im Textvorspann erkläre ich meinen Lesern, das ich keine Möglichkeit sehe, das nachzudokumentieren, was Microsoft mit seinen Apps kontinuierlich ändert. Ich kann nur auf die (nicht vorhandene) App-Dokumentation verweisen.

Nun also das Eingeständnis, dass das ganze Konzept der App-GUI nicht wirklich eingängig ist und viele Benutzer nicht wirklich kapieren, was man nun wo machen kann. Jetzt ist’s ein ganz langer Blog-Beitrag geworden, den ich habe eigentlich gar nicht schreiben wollen. Aber einen Abschluss habe ich noch: Eine Unterstützung für POP3-Server gibt’s natürlich nach wie vor in der Mail-App nicht. POP3-Unterstützung war mal, nach einem Update, eine angebotene, aber nicht funktional geschaltete Option.

Nachtrag: Licht und Schatten liegen oft haarscharf nebeneinander. Gerade bin ich auf eine App gestoßen, die mich von der GUI wirklich angesprochen – um nicht zu sagen begeistert – hat. Ich habe gleich noch einen Blog-Beitrag drüber geschrieben. Entwickler bei Microsoft: Macht das einheitlich – entweder eine Drucken-Schaltfläche in allen Apps – möglichst per Framework eingeblendet – oder lasst es bleiben. Was nicht geht, ist diese Stoppelei, die ihr da momentan abliefert. Schaut euch wirklich mal die App Stimulus Berichtsgenerator an. Das ist eine GUI, bei der ich mich mit Windows-Apps anfreunden könnte.

— tl;dr


Anzeige


Dieser Beitrag wurde unter *my 2 cents abgelegt und mit Mail App, Update, Windows 8 verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Mail-Update: Microsoft signalisiert indirekt das Problem des Modern UI-Ansatzes


  1. Anzeige
  2. Günter Born sagt:

    Nachtrag: Auch weitere Apps haben ein Update erfahren – so auch die Music-App. Das Teil ist zwar immer noch grottenlahm, aber laut verlinktem engadget-Artikel hat die App eine direkte Lautstärkeregelung in der App-Leiste bekommen und kann auch mit der Cloud synchronisieren. Hier ein Bildausschnitt.

    Scheint, als ob Microsoft gerade in der Experimentierphase ist. Denn Lautstärkeregelung ist standardmäßig auch Bestandteil der Seitenleiste Einstellungen.

    1: http://www.engadget.com/2013/03/26/xbox-music-update-volume-control-cloud-sync/

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Hinweis: Bitte beachtet die Regeln zum Kommentieren im Blog (Erstkommentare und Verlinktes landet in der Moderation, gebe ich alle paar Stunden frei, SEO-Posts/SPAM lösche ich rigoros). Kommentare abseits des Themas bitte unter Diskussion.