Google+Nest und die feuchten Träume der "Analüsten"

Vor ein paar Tagen ging ja die Meldung durch dieses Internetz, dass Google ein Startup namens Nest (bauen Thermostate und Rauchmelder) für 3,2 Milliarden US $ gekauft habe – selbst die Tagesschau erblödete sich, darüber zu berichten – und der Google Aktienkurs schoss mal wieder nach oben. Zeit, mal ein paar Gedanken frei zu lassen.


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Es gibt so Tage im Leben, da schaust Du unwillkürlich auf die Straße, um zu prüfen, ob es da viele Hutträger gibt. Warum? Weil dir der Verdacht kommt, dass diese nicht nur die Kopfbedeckung sondern auch das darunter liegende, gewöhnlich zum Denken dienende, Teil morgens an der Garderobe abgeben.  Und so ein Tag war mal wieder, als ich die Meldung zur Nest-Übernahme im Internet und hier im Google-Investor-Blog las.

Die feuchten Träume der Analüsten

Zitat “Since its launch in 2011, the Nest Learning Thermostat has been a consistent best seller–and the recently launched Protect (Smoke + CO Alarm) has had rave reviews”. Und irgendwo habe ich mehrfach gelesen, dass die Leute bei Nest wohl Thermostate für 200 $ verticken und es geschafft haben, dass die stylish wie das Apple Zeugs aussähen. Da kann man schon mal 3,2 Milliarden US $ locker machen, für kommende Business-Opportunities. Spiegel Online titelte Nest-Übernahme: Google will in Ihr Schlafzimmer und Mercedes Benz arbeitet locker mit Nest zusammen, um die Temperatur “aus dem Auto steuern zu können”, wie Spiegel Online hier schreibt.

Und damit sind wir bei den feuchten Träumen der Analüsten (und möglicherweise TechGeeks). Spiegel sieht die Geräte in Millionen Haushalten Daten sammeln und zu Googles Servern übertragen. Das Internet der Dinge bekommt plötzlich so einen heimeligen und greifbaren Klang …

… schnell mal nachschauen: Die haben alle keinen Hut auf.

Verstand einschalten, Leute …

Ich weiß, ich bin mal wieder eine Spaßbremse allererster Güte – und ich mag nicht ausschließen, dass sich einige Leute sich so was wie ein im Apple-Design daherkommendes Nest Thermostat für 200 US % in’s Wohnzimmer nageln oder im Auto auf die Idee kommen, die Heizung per App regeln zu wollen. Aber gelegentlich empfehle ich einfach mal nüchtern den Verstand einzuschalten. Hier einfach ein paar Thesen, an denen man nicht so einfach vorbei kommt.

Der NSA-Skandal kam zur rechten Zeit

Wir haben 2013 den größten Datenskandal mit den NSA-Enthüllungen erlebt – mit dem Effekt, dass immer mehr Menschen sich die Frage stellen, was mit ihren Daten geschieht. Hier meldet Spiegel Online einen Ansturm auf anonyme Suchmaschinen – und hier schreibt jemand bei heise.de, dass ihm Google langsam (wegen der letzten Firmenaufkäufe) unheimlich werde. Und da haben wir nichts wichtigeres zu tun, als wie die Lemminge Nest Thermostate und andere sinnlose Sachen zu kaufen, um unsere Daten sammeln zu lassen?

Ein “Coolness”-Bonus ist von einer Firma schnell verspielt – Google ist da gerade mit Inbrunst dabei. TheVerge hat hier einen Beitrag mit einem Stimmungsbild aus Twitter zusammen getragen. Der folgende Tweet trifft das “Bauchgefühl” auf den Punkt.

Hinterhof-Klitschen wollen die Welt erobern


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Es ist zwar schon gut ein viertel Jahrhundert her, dass ich als junger Ingenieur in Standardisierungsgremien für die Industrieautomatisierung mitgearbeitet habe. Aber aus dieser Zeit weiß ich, wie wichtig eine Standardisierung ist und wie schwierig da ein Konsens hin zu bekommen ist.

Und jetzt rufe ich mir mal gerade die letzten Erfahrungen mit Google-Produkten wie dem Nexus 4 und Nexus 7 2013 und der Display-Ausgabe auf ein HDMI-Gerät in Erinnerung (ein Rant folgt in ein paar Tagen). Jeder Hinterhof-Schrauber arbeitet da akkurater und kundenorientierter.

Nun will Google also in die Heimautomatisierung (wird zumindest kolportiert)? Da, wo ich nicht alle zwei Jahre eine neue Heizung kaufen möchte, nur weil man gerade Android aktualisiert hat und noch ein paar Geräteverkäufe braucht. Und nein, es kommt auch nicht gut, wenn mir ein Hersteller nach 18 Monaten sagt “Oh, sorry, deine Heizung wirst Du aus Sicherheitsgründen abschalten müssen – denn nach so langer, seit der Erstauslieferung vergangener, Zeit liefern wird dir leider keine Sicherheitsupdates mehr – und nein, die Heizung kannst Du nun leider nicht ohne Internet betreiben – denn die funktioniert dann nicht mehr wirklich”. Sorry, habe mir gerade vor Lachen in die Hose gepinkelt. So kommt man auch zu feuchten Träumen.

Aus diesem Blickwinkel empfehle ich einfach die Lektüre dieses ArsTechnica.com-Artikels zur CES 2014. Hat nichts mit Google und Nest zu tun – aber es gibt dort drüben wohl noch ein paar Leute, die ohne Hut unterwegs sind. Der Redakteur schreibt ganz klar, dass die Vernetzung nur für einige wenige Geräte wirklich Sinn macht und dass dann die Komplexität in unermessliche steigt. Android, WebOS, FirefoxOS, Windows werben um die Gunst der Käufer und sind heute schon nur mit Mühen untereinander interoperabel (hier geht heise.de auf die Standardisierungsfragen kurz ein). Wie soll das bei Heimautomatisierung besser werden? Zudem sind diese Lösungen anfällig für Sicherheitsprobleme – oft sind die Zugänge in keinster Weise abgesichert – geht gar nicht, außer bei hirnamputierten Usern. Und das im vorherigen Absatz von mir am Beispiel der Heizung thematisierte Update-Problem mündet bei Arstechnica in den Abschnitt “A history of non-existent updates” und gipfelt in der Feststellung “Bringing planned obsolescence to our durable goods”. Wired bringt es denn auch sehr schön auf den Punkt “The Internet of Things Is Wildly Insecure — And Often Unpatchable” – dem ist nichts hinzuzufügen.

Ökonomische Notwendigkeiten beerdigen feucht Analystenträume

Da ich mal mit Lehre aus dem Handwerk hervorgegangen bin, komme ich schon mal etwas hemdsärmeliger daher – mit dem Blick für das machbare. Ich weiß ja nicht, wie viele von den Analüsten, Bloggern und Redakteuren, die ob der Wachstumspotentiale mit feuchten Träumen da umherstolzieren, mal einen Blick in die Kataloge der Anbieter von Heimautomatisierung geworfen haben?

Gibt einen alten Vertrieblerspruch, der besagt, dass ein Produkt für den Kunden wichtig, wahrnehmbar und das dauerhaft sein muss, um Absatz zu erzielen. Ist mir die Heizungsregelung per App aus dem Auto wichtig? Ist ein Produktvorteil eines IP-basierenden Thermostats in meiner Wohnung wahrnehmbar? Und wie ist das mit dauerhaft? Könnt ihr euch vorstellen, mal eben, nur für den Gig, so zehn bis zwanzig Mittelklasse-Smartphones mit SIM-Karten und Vertrag in eurer Wohnung zu vergraben – und dann das Zeugs alle zwei Jahre rauszuwerfen, da überholt?

Mal kurz einen Blick in den Busch-Jaeger Katalog für Systemtechnik geworfen – der Anbieter ist neben Merten der Standard auf dem Markt. Und ein Installateur baut dir in der Regel eine Systemlösung von einem Hersteller im Haus ein (als nicht Merten Steckdosen, Nest Thermostate und Busch-Jaeger Schalter oder Rolladensteuerungen). Einen Unterputz-Schalter bekommst Du mit Abdeckplatte für so um die 10 Euro – ein Busch ComfortPanel (als raumübergreifendes Steuerungs-, Infotainment- und Entertainment-Center) schlägt mit 1870 Euro zzgl. Mwst. zu Buche. Eine Busch EB-Sensoren-Baugruppe (4fach-Eingang) darf mit 282,00 Euro zzgl. Mwst. gebucht werden. Neben Sensoren braucht es noch Aktoren, damit sich auch irgend etwas tut – da sind die gleichen Preiskategorien zu veranschlagen.

Und jetzt stell dir vor, ein Blitz schlägt  beim Nachbarn in die Oberspannungsleitung. Ob die Frickeltechnik aus Amiland wohl spannungsfest ist? Um Antwort wird gebeten – heißt es bei der Sendung Panorama, oder war es Report oder Monitor? Egal. Mich deucht, da schieben ein paar Jungs in Analüstenkreisen ein echtes Luxus-Problem.  Mercedes Benz ist da möglicherweise gut aufgehoben – es mag in deren Klientel auch Leute geben, die der irren Vorstellung nachhängen, mit einer Smartphone-App aus dem Auto die Heizung steuern zu wollen. Aber außer feuchten TechGeek- oder Großkotzträumen bleibt da nicht mehr viel Restmarkt.

Ist zwar schon ein paar Tage her, seit mein Haus gebaut wurde. Aber ich erinnere mich noch verdammt gut, dass da zwar viel zu bedenken war – das Luxus-Problem, dass ich mich da zwischen einem Merten Smart System M oder einem Busch Jaeger Systemtechnik-Programm entscheiden hätte müssen, stellte sich alleine aus Kostengründen nicht. Das verfügbare Budget war da für andere Sachen längst abgefackelt. Da musste eher mit der Frau diskutiert werden, ob man diese oder jene Badewanne oder diese oder jene Fliese nehmen sollten – und dann wurde gerechnet, was das Budget hergab. Und ich schätze, dass das der Masse der Häuslebauer nicht gänzlich anders geht. Wenn ich mir dann noch die Baubeschreibungen der typischen Bauträger so anschaue (die Baubeschreibung für mein Haus habe ich selbst verfasst und dem Bauträger in die Hand gedrückt), ist da wenig Platz für feuchte Nest-Träume (da wird mit dem Projektierer um jede Steckdose in der Kalkulation gefeilscht).

A propo Heizung per App aus dem Auto verstellen: Das kommt, wenn jemand verzweifelt ein Argument für ein “große Jungen Spielzeug sucht”. Mein mit Fußbodenheizung und guter Dämmung ausgestattetes Haus wird heizungsmäßig konstant auf einer Temperatur gefahren. Macht wenig Sinn, für Stunden Heizung runter/Heizung rauf zu spielen, da der Hauskörper eine Menge Wärme speichert und das “Halten der Temperatur” günstiger als das Herunterfahren mit anschließendem Hochheizen kommt.

Eine Altbestand an Wohngebäuden für Home-Automatisierung zu ertüchtigen, halte ich auch für wenig erfolgreich. Zumal in Zeiten, wo ein Großteil der Bevölkerung sich darüber Gedanken machen muss ob man sich die Heizkosten im Winter oder eine bezahlbare Wohnung überhaupt noch leisten kann. Da geht den Leuten ein Thermostat von Nest, ganz egal ob im oder ohne Apple-Design, so was vom Arsch vorbei, dass man das gar nicht ausdrücken kann.

Und dass so eine Technik, wenn sie denn überhaupt mal funktioniert, auch kaputt gehen kann, diese Erfahrung hat wohl jeder schon gemacht. Eben mal den Heizungsregler für 200 Euro, wie ein Smartphone, dumpen und durch ein neues Modell ersetzen – das bekommen 99% der Leute ebenfalls nicht auf die Reihe. Also kommen noch 200 Euronen plus Märchensteuer für den Installateur on top – für einen Ausfall/Gerätetausch – wohlgemerkt.

Ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass wir in ein paar Jahren etwas mehr vom “Internet der Dinge” mitbekommen – und es werden sicherlich jetzt auch ein paar Leute im Blog einschlagen, die mir erzählen “will ich, kann ich, hab ich, kauf ich”. Aber für die Masse der Bewohner Deutschlands hat der Deal zwischen Google,  Nest und meinetwegen Mercedes Benz den gleichen Stellenwert, als wenn ein Sack Reis in China umfällt. Und wenn ich mich im Rest der Welt – oder nur in Europa so umschaue – gewinne ich nicht unbedingt das Gefühl, dass unser drängendstes Problem ein Rauchmelder mit Internetanbindung oder ein per Smartphone-App ansteuerbares Thermostat sei.

So gesehen halte ich das Ganze sogar für eine ausgesprochene Schnapsidee – die aber in Analüstenkreisen und im Upper Management schon mal Phantasien beflügeln kann. Aber womöglich landet man krachend auf dem harten Boden der Tatsachen. Aber ich lasse mich in zehn Jahren gerne eines anderen belehren und schiebe dann meinen Rollator mit IP-Adresse durch die Wohnstraße. Vielleicht liest man dann in der Online-Zeitungs-App dann auch Geschichten wie diese, wo statt teurer Apple-Geräte aus einem fahrenden Auto beim Wohnungseinbruch Nest-Thermostaste und Rauchmelder abmontiert wurden. Tl;dr. Und jetzt gehe ich zur Garderobe, meinen Hut wieder abholen Zwinkerndes Smiley


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3 Antworten zu Google+Nest und die feuchten Träume der "Analüsten"


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  2. Günter Born sagt:

    Nachtrag: Ach ja, hier die Jubel-Arie auf Android-Zündkerzen und die Schnarchnasen-Theorie der Huffpost als Kontrastprogramm.

    Und hier hat jemand ein Open Source “Nest”-Thermostat gebaut und bloggt darüber.

  3. Pingback: Google+Nest und die feuchten Träume der "Analüsten" - TechBloggers

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  5. Günter Born sagt:

    Als Nachlese habe ich hier noch einen heise.de-Artikel zum Thema gefunden. Der betreffende Autor stellt schon die richtigen Fragen und stellt sich somit ebenfalls gegen die “feuchten Träume der Analüsten”.

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