Hinter den Kulissen der “Yo”-App

Letzte Woche machte ja die iOS-App Yo ziemliche Schlagzeilen. Die App kann nur den Text “Yo” an ausgewählte Personen versenden, stieg aber binnen weniger Tage in die Top 5-App-Liste des iTunes App-Store auf. Venture-Kapital-Geber haben binnen kürzester Zeit über eine Million US $ in das Startup der Entwickler gepumpt. Business-Insider hat die Hintergründe um die App Yo zusammengetragen. Eine Kurzfassung mit meiner persönlichen “Färbung” gibt es hier im Blog.


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Im Grunde ist die ganze Geschichte ziemlich gaga und typisch für die Techszene. Die unmöglichsten Sachen entstehen da, wie dieses Google (eine Suchmaschine für das Internet), oder dieses Twitter (Du kannst die unsinnigsten Sachen in 160 Zeichen packen), oder dieses Facebook (Du kannst deinen Freunden und nicht Freunden mitteilen, dass Du gerade auf’m Klo sitzt – bei Bedarf sogar mit Foto – Selfie nennt man das). Und genau so ist auch Yo entstanden.

Da gab es Moshe Hogeg, Vorstand (CEO) des in Tel Aviv ansässigen, israelischen Startups Mobli. Moshe hatte seinen Angestellten, Or Arbel, darum gebeten, ihm eine einfache Möglichkeit zu schaffen, mit seiner Ehefrau und seinem Assistenten per Smartphone in Kontakt zu treten. E-Mail war ihm zu aufwändig – selbst für SMS oder andere Textnachrichten (WhatsApp) fehlte ihm die Zeit und die Motivation. Im Grunde wollte Hogeg nur eine App, die lediglich eine große Schaltfläche aufwies, mit dem man das Wort “Yo” an eine andere Person senden konnte. Damit wollte er seinem Assistenten signalisieren, dass er ihn/sie braucht – und der Ehefrau ließe sich signalisieren “ich denk grad an dich” …

Or Arbel musste aber mehrfach gebeten werden, denn er meinte, “die Idee sei so doof, dass niemand die nutzen werde” und protestierte nachdrücklich. Wie so oft im Leben zeigte Cheffe dem Angestellten, wo der “Bartel den Most her holt” – die Anweisung von Moshe an Or Abel war klar: ‘Develop this stupid app for me,’ (verdammt, entwickle die App). Brauchte noch ein paar Wochen “Motivationsarbeit”, um Arbel wirklich zu überzeugen. Ein Motivationsgrund: Die Leute schickten sich häufig Nachrichten mit einem Buchstaben wie “!” oder “?”, um Infos auszutauschen. Meine Frau macht das einfacher “Essen ist fertig” – reicht.

Nach ca. 8 Stunden Entwicklungszeit präsentierte Arbel jedenfalls seinem Chef Hogeg die App Yo. Diese App was besser, als Hogeg erwartet hatte. Kein Icon, kein Login, sondern nur die Möglichkeit, einem Freund das Wort Yo zu senden – nichts mehr. Die App firmiert im iTunes-Store als “single-tap zero character communication tool” – also quasi die “Ryan Air“ unter den Apps. Allerdings verbot Hogeg seinem Entwickler die App unter dem Firmennamen Mobli und unter ihrer beider Namen zu veröffentlichen.

Also reichte man die App am 1. April im Apple iTunes-Store zur Veröffentlichung ein. Apple wies die Yo-App aber ab (keine Substanz an der Gaga-App erkennbar). Die Beiden gaben aber nicht nach und verteidigten die Einfachheit der App. Am Ende des Tages wurde die App aber im iTunes Store freigegeben – und in China fiel damals auch ein Sack Reis um. Kein Mensch hat von beiden Ereignissen viel mitbekommen (mit Ausnahme des Apple-Mitarbeiters, der die App durchwinken musste  – und mit Ausnahme des Reisbauern, der den Sack wieder aufstellen musste).

Zuerst nutzte Hogeg die App nur mit seiner Frau und seinem Assistenten (also drei Benutzer). Nach kurzer Zeit machten er und Arbel die App allen Mobli-Angestellten verfügbar – baten aber, die App nicht an Freunde weiter zu geben (war noch Beta). Erinnert mich an den großen Fritz, der Kartoffeln anbauen und von Soldaten bewachen ließ, um die Neugier des Volkes anzufachen. Was aus der Kartoffel geworden ist, wisst ihr wohl alle.


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Jedenfalls scheinen die bei Mobli alle ein Faible für Gaga-Apps zu haben – denn der ganze Club war sofort der Beta-Version der Yo-App verfallen (schreibt jedenfalls Business Insider in seiner App-Legende). Und binnen eines Monats nutzten 20.000 Leute im Bereich um Tel Aviv die App, um sich Yo-Nachrichten zu schicken (wir erinnern uns, dass die App nicht an Freunde weitergegeben werden sollte).

Wäre aber immer noch ein “Lastwagen mit Reissäcken ist gerade umgekippt”-Ereignis geblieben. Anfang Mai besuchte Robert Scoble, ein US Tech Blogger und Produkt Evengelist, Hogeg in Tel Aviv. Robert Scoble ist der Typ, der sich auch schon mal mit der frisch erhaltenen Google Glass-Brille unter die Dusche stellt. Dummerweise hat seine Frau ein Foto gemacht und dieses ist in die Öffentlichkeit gelangt (fand das eines Morgens in meinem Google+ Stream).

Jedenfalls hat Hogeg bei diesem Besuch Robert Scoble die Yo-App gezeigt und ihn nach seiner Meinung gefragt. “Die dümmste, aber auch fesselndste App, die ich je gesehen habe”, lautete der Kommentar von Scoble. Nach der Rückkehr postete Scoble einen Link zur Yo-App auf Facebook (in Google+ ist mir das hier nix aufgefallen). Ein Bekannter Scobles, ein DeviantArt Produktmanager, postete dann die Info auf der Webseite Product Hunt (quasi das Reddit für neue Apps).

Scoble wurde wohl selbst davon überrascht, wie ich seinem G+-Eintrag hier entnehme – ist vor 3 Stunden gepostet worden. Da zieht Robert einige Sachen gerade.

War dann der Stich ins Wespennest – oder quasi ein ganzer Tanker Reissäcke, die da ins Rutschen gerieten. Im Silicon Valley zirkuliert eine Menge Kohle, die auf Investionsmöglichkeiten hofft. Folglich rannte die Venture Capital-Geber Hogeg quasi die Bude ein bzw. bombardierten ihn per E-Mail und wollten Infos zu Yo. Hogeg musste erklären, dass kein Team, sondern nur er und Arbel hinter der App steckten und sich eigentlich auf Mobli fokussieren wollten. Yo war nur ein Nebenprojekt. Nachdem aber immer mehr Anfragen von VC kamen, schauten die Beiden sich die Nutzerzahlen von  Yo an. Sie stellten sich die Frage, ob sie in die App investieren würden – und kamen, nach Analyse der Daten zum Schluss “Ja, unbedingt”. Die App sei zwar gaga, aber man wollte der App eine Chance geben. Daher erwarteten sie einige hunderttausend Dollar VC-Kapitel, um die App weiter zu entwickeln (das Startup Mobli scheint wohl keine Kohle auf dem Firmenkonto gehabt zu haben). Nachdem die App aber in Product Hunt gefeatured wurde, waren VC-Investoren bereit, 1,2 Millionen US $ in die App zu investieren. Es gab angeblich Angebote bis 2,5 Millionen $ – hat man aber abgelehnt, da unklar ist, ob die Zahl der Yo-Nutzer in den kommenden Monaten steigt oder ob das ganze Projekt untergeht.

Interessante Background-Story, die Business Insider da ausgegraben hat. Bestätigt meinen Eindruck, das wir alle ein bisgen gaga sein müssen. Hätten wir einen anständigen Beruf gelernt, zum Beispiel Schumacher, müssten wir uns nicht gegenseitig per App ‘Yo’ an den Kopf schleudern. Schönes Restwochenende, eine geile Mid-Sommar-Nacht oder einen guten Wochenstart – ganz, wie es beliebt – Yo!

PostScriptum: Die “early-adopters” in Tel Aviv haben die App teilweise wieder gelöscht. Andere schicken nur wenige Yos pro Tag. Kids signalisieren den Eltern “Bin aus der Schule raus und zu Hause angekommen – Yo”. Hogegs Frau signalisiert “Yo, ich denk an dich” – und sein zweijähriger Sohn findet es ganz cool, auf die Tasten des Smartphones zu tatschen – ist sein neues Spielzeug, und Vadder bekommt dann jeweils Yos geschickt. Mein Filius hatte vor einigen Jahrzehnten die Wiedergabetaste des Kassettenrecorders an der Stereoanlage als Spielzeug auserkoren. Die Taste hat das nicht überlebt – schlechte Prognose für Yo. Jedenfalls nutzen 500.000 Leute Yo und verschicken mehr als 4 Millionen Yo-Benachrichtigungen. Die App rangiert unter den Top 5 im iPhone App Store. Aber es gibt ja auch Nonsense-Untersuchungen, die behaupten, dass Apple-Nutzer die intelligenteren Menschen seien. Einfach nur verrückt, das Ganze.


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1 Antwort zu Hinter den Kulissen der “Yo”-App


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  2. Günter Born sagt:

    Nachtrag: Auch dieser Artikel thematisiert die App Yo.

    Stopp: Finger weg von der App – diese ist mittlerweile gehackt.

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