Umsteigen auf Windows 10 – eine Bewertung aus Unternehmenssicht – Teil 3

Von Sven Haustedt, Manager Microsoft Solutions bei Sopra Steria Consulting, liegt mir eine ausführliche Stellungnahme, die sich mit der Migration auf Windows 10 befasst, vor. Ich gebe diese mal ungekürzt wieder, da sie viele meiner Überlegungen, aber auch andere Aspekte, wiederspiegelt.


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Eine Migration auf die aktuelle Version Windows 10 will für Unternehmen gut überlegt sein. Nach dem Windows-Vista-Debakel hatte Microsoft mit Windows 7 ein stabiles, beliebtes Betriebssystem ausgeliefert, das heute den Standard sowohl bei Privatanwendern als auch in Unternehmen setzt. Von so einem Stabilitätsfaktor trennt mach sich nicht so einfach.

Die Vorteile sollten also in jedem Fall überwiegen, Risiken beherrschbar sein. Glaubt man dem Microsoft-Produktmarketing (siehe), bedeutet Windows 10 den Einstieg in das digitale Zeitalter für Unternehmen. Für Microsoft selbst bedeutet Windows 10 auch den Wendepunkt vom Lizenzgeschäft zum Pay-per-Use-Ansatz, die Vermarktung der Software als Cloud-Produkt und die Bindung der Nutzer durch die Auslagerung von Daten.

Vertraut für Anwender

Die größten Margen macht Microsoft mit dem Office-Paket, in der Cloud als Office 365 unter den Schlagwort „Produktivität“ vermarktet. Neben dem klassischem Desktop Office werden Serverlösungen für die Zusammenarbeit (SharePoint) und die Dateiablage (OneDrive für Business) angeboten.

Durch Windows 10 werden diese Lösungen für die Anwender mit der gleichen Benutzeroberfläche auf allen aktuellen Formfaktoren (PC, Laptop, Tablet, Smartphone, Smart-TV) betrieben. Dadurch wird der Umgang mit Dokumenten digital. Die Dokumente liegen nicht mehr auf einem Fileserver, sondern entweder in der Private Cloud im eigenen Rechenzentrum, ausgelagert bei Microsoft oder einem anderen Cloud Anbieter oder in Hybrid-Szenarien, bei denen Teile der Dokumente für bestimmte Geschäftsprozesse ausgelagert werden. Windows 10 ist dabei geräteübergreifend der Hub für den Anwender.

Knackpunkt Mobile Devices

Unternehmen sollten sich vor dem Einsatz von Windows 10 Gedanken über die Geräte machen, die sie den Mitarbeitern zur Verfügung stellen wollen. In einer homogenen Microsoft-Welt, in der sowohl die PCs als auch die Tablets und Telefone mit einem Windows-Betriebssystem ausgerüstet sind, sind die Szenarien, die Microsoft bewirbt sicher ein Vorteil gegenüber der herkömmlichen Art der Zusammenarbeit. Gerade im Mobilbereich ist die Verbreitung gering und rückläufig. Für Mobilgeräte, die mit Android oder iOS ausgestattet sind, gibt es zwar die jeweiligen Apps von Microsoft, die Einbindung in die Unternehmens-IT ist jedoch deutlich komplexer.

Cloud bedeutet Fluch und Segen zugleich

Cloud ist das aktuelle Hype-Thema überhaupt in der IT. Microsoft hat diesen Trend schon sehr früh aufgegriffen. Windows 10 ist dementsprechend geprägt von dem Cloud-Gedanken. Es kann direkt mit einem Microsoft-Account-Konto betrieben werden. Der Privatanwender ist heute schnell in der Cloud, weil es sehr bequem ist: E-Mail, Dateiablage, Backup und Apps waren früher die vielen kleinen Programme die man sich als Windows-Nutzer installieren konnte. Damit ist nun Schluss.

Im Startmenü von Windows 10 werden Apps beworben. Sie Anbindung ans Internet ist in der Standardinstallation durchaus auch als Datensammlung für Microsoft geschäftlich interessant. Werbung wird nicht nur über den Browser, sondern sowohl über das Betriebssystem als auch über die vielen Apps personalisiert angeboten. Letztlich lebt ein Großteil der Softwareentwicklungsbranche im privaten Umfeld von der Werbeindustrie. Gut ist, dass das alles abschaltbar ist.


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Im Unternehmenseinsatz sind diese neuen Features sogar mitunter gefährlich. Daher sollte hier auf jeden Fall Windows 10 von den privaten Diensten abgekoppelt werden. Dafür werden in der Regel Gruppenrichtlinien im Unternehmensnetzwerk eingesetzt. Hier sind dann gegenüber Windows 7 neue Regeln zu beachten. Und im negativen Sinn wichtig: Nicht alle neuen Features können auf diese Weise abgeschaltet werden. Microsoft hat hier reagiert und eine dedizierte Webseite dazu ins Leben gerufen.

Welche Themen sollten im Unternehmenseinsatz zusätzlich zu den „normalen“ Einstellungen auf der Betriebssystemebene geprüft werden?

– Nutzungsdaten

– Windows Update über P2P

– Synchronisierung von Benutzereinstellungen

– Microsoft Edge

– OneDrive

– Standorteinstellungen

– Suche (Bing) über das Internet

– Cortana

– Fehlerberichte

– Windows Gaming

– Werbungs-ID

– WLAN Optimierung

Praktisch ist die Integration von OneDrive, das sich in der OneDrive for Business Edition entsprechend einfach in die Unternehmens-IT integrieren lässt. Unternehmen können mit der vorhandenen Technologie ein eigenes Business Store Portal zur Anwendungsverwaltung nutzen. Zudem lässt die Cloud-Ausrichtung vereinfachte Update-Prozesse zu.

Neben der Windows Plattform, die mit Cloud-Funktionen angereichert wurde und natürlich auch als Cloud Service zu beziehen ist, kommt man um eine Auseinandersetzung mit Office 365 nicht umhin. Mindestens Microsoft wird es Ihnen anbieten und viele gute Gründe finden, warum Office und Zusammenarbeit in der Cloud besser funktioniert. Aber das ist ein anderes Thema und vielleicht für spätere Artikel interessant.

Sicherheitsvorkehrungen kritisch hinterfragen

Die Sicherheit und Zukunftsfähigkeit sind immer entscheidende Kriterien bei der Überlegung, auf ein neues Betriebssystem umzusteigen. Microsoft wirbt mit dem Slogan „Das bislang sicherste Windows“ (siehe). Klingt erst einmal toll, auch wenn es die Unsicherheit der Vorgänger impliziert. Es ist aber wichtig, sich genau anzuschauen, worin der signifikante Unterschied in Bezug auf Sicherheit bei Windows 10 besteht:

  • Der eingebaute Virenschutz Windows Defender sei besser, sagen die Macher. Eine Aussage die mit Vorsicht zu interpretieren ist. Im Unternehmenseinsatz sind immer auch andere, auf den Virenschutz spezialisierte Lösungen zu prüfen. In Testberichten bekommt gerade dieses Tool mitunter die schlechteste Bewertung (siehe).
  • Biometrische Logins, Anmeldung mit Gesichtserkennung ist vielleicht sicherer, aber auch immer mit der Anschaffung spezieller Hardware verbunden. Die aktuellen Geräte von Microsoft beherrschen diese Authentifizierungsmethode.
  • Windows-Insider-Programm: Herbei handelt es sich um eine neue Methodik, wie das Betriebssystem mit Updates versorgt wird. Eine große Menge Anwender (mehr als 6 Millionen) testet neue Funktionen und spielt das Feedback an das Windows Entwicklungsteam zurück. Damit sind die neuen Features, anders als in der Vergangenheit, bereits durch eine kritische Masse auf unterschiedlichsten Geräten und Einsatzzwecken getestet worden.

Es soll dann analog zu den Cloud-Produkten öfter neue Features geben mit einer höheren Stabilität. Zudem wird der Updatemechanismus an aus der Linux-Welt bekannte Repositories angelehnt. Weitere Sicherheitsfeatures sind beispielsweise:

  • Hardwarebasiertes Sicherheitsmanagement
  • Multi-Faktor-Authentifizierung
  • Bitlocker-Datenverschlüsselung

In diesem Spannungsfeld werden Unternehmen nun prüfen müssen, welchen Weg in die Digitalisierung sie einschlagen möchten. Ein kritisches Hinterfragen, ob die Windows-10-Sicherheit den eigenen Anforderungen genügt, ist in jedem Fall angebracht.

Windows as a Service: Effizienz versus Abhängigkeit

Die Motivation von Microsoft ist mittelfristig weniger der Verkauf von Lizenzen. Mit Windows 10 geht das Unternehmen neue Wege der Kundenbindung. Der ideale Unternehmenskunde verlässt sich auf die Kompetenz von Microsoft und vertraut dem Anbieter große Teile der Unternehmens-IT an. Das Betriebssystem kommt als Service aus der Cloud, das Office System sowie die Kommunikations- und Zusammenarbeitsumgebungen. Der Browser wird der Zugang zum Unternehmen. IT bedeutet dann nicht mehr, eigene Ressourcen vorzuhalten und Kompetenzen im Unternehmen aufbauen zu müssen. Hier greift vordergründig das Kostenargument. Kurzfristig kann IT eingespart werden. Mittel- und langfristig macht man sich aber auch abhängig von einem Hersteller und den Preisentwicklungen.

Umstieg auf Windows 10

Sind schon Unternehmen auf Windows 10 umgestiegen? Analysten gehen davon aus, dass mehr Unternehmen früher auf Windows 10 umsteigen werden als bei Vorgängerversionen. Ein Grund dafür ist das kostenlose Update in den ersten zwölf Monaten. Hier werden Überlegungen zur Einsparung von Lizenzkosten zum Tragen kommen. Es gibt auch weniger Hindernisse, wie zum Beispiel eine neue Browserarchitektur. Sie hat direkten Einfluss auf die Anwendungen im Unternehmen. Die Zeit für das kostenlose Update endet zudem im Juli.

Ein weiterer Grund für ein beschleunigtes Umsteigen ist das Ende des Lebenszyklus von Windows 7. Da Windows 8/8.1 in der Regel ausgelassen wurde, entsteht hier ein regulatorischer Druck. Letztlich kann dieses Argument als die stärkste Begründung eines starken Anstiegs der Windows-10-Verkäufe gelten. Bis 2017 wird es eine überdurchschnittlich starke Upgrade-Bewegung geben. Vor allem die Größeren am Markt steigen allerdings eher selten schnell auf aktuelle Softwareversionen um.

Gemäß dem Motto „Eat your own dogfood“ ist die größte Referenz Microsoft selbst. Innerhalb von vier Wochen wurden mehr als 80 Prozent der Mitarbeiter auf Windows 10 mittels In-Place-Upgrade versorgt. Nachzulesen in einer Case Study von Microsoft, die auf jedem Fall lesenswert ist, wenn man sich mit dem Thema Update auseinandersetzt (siehe oder auch).

Win 10 Deployment(Quelle: Microsoft)

Gibt es Alternativen zu Windows?

Die neue Welt des Arbeitens macht es vor allem im Unternehmensumfeld für traditionelle Betriebssysteme schwieriger. Neben Windows, das definitiv immer noch den Markt im Unternehmenssektor beherrscht, gibt es wenige Alternativen, die derart ganzheitlich Unternehmen unterstützen können. Im Privatsektor ist eine wachsende Tendenz von Apple-Betriebssystemen zu beobachten, die aber eng an die Produktstrategie von Apple gebunden ist. Freie Betriebssysteme wie Linux haben es deutlich schwerer als Wettbewerber zu Windows wahrgenommen zu werden. Ein bekanntes Beispiel ist die Ausstattung der Stadt München (siehe) mit einem angepassten Linux. Hauptkritikpunkte hier sind vor allem die unterschiedliche Usability und die hohen Entwicklungskosten, die die Lizenzkosteneinsparungen nicht wie erwartet zu einem großen Erfolg führen. Es gibt aktuell Diskussionen, doch wieder auf die Microsoft Plattform zu wechseln.

Wenn es um einen Cloud Provider für das Betriebssystem als Service geht, gibt es mit Amazon Web Services durchaus einen potenten und wachsenden Konkurrenten.

 

clip_image008(Quelle: Netmarketshare)

Vorteile von Windows 10 für Unternehmen

Für Anwender

  • Hohe Benutzerfreundlichkeit: Unproblematische Änderungen für Benutzer von Windows 7 und Windows 8
  • Konsistentes „Look-and-feel“ auf allen Mobilgeräten
  • Eine durchgängige Arbeitswelt über alle Formfaktoren hinweg. Sowohl PC als auch Tablet, Fernseher, Telefon oder Devices wie der Surface Tisch können mit der selben Windows Kennung und dem eigenen Setting an Programmen und Einstellungen bedient werden.
  • Universal-Anwendungen, die auf allen Ihren Windows 10-Geräten laufen
  • Sprachgesteuerter Assistent „Cortana“
  • Unterstützung für die Continuum-Funktionalität

Für IT

  • Vereinfachtes Management
  • Integriertes Device Management
  • Die Verwaltung von Updates hat Microsoft in Windows 10 deutlich verbessert und modularer gestaltet. Damit ist mehr Kontrolle möglich

Probleme für Unternehmen bei der Umstellung

Auch Windows 10 wird, wie immer bei Windows-Migrationen, Entscheider und IT-Support viel abverlangen und die Unternehmen herausfordern. Kosten und Zeitaufwände für eine solche Migration müssen gut überlegt sein. Hier einige Treiber:

  • Die Vereinigung von Cloud und PC. Windows 10 ist für die Nutzung von Cloud-Anwendungen entwickelt.
  • Der neue Browser „Microsoft Edge“ – muss für bestehende Unternehmens-Webanwendungen taugen.
  • Datenschutzfunktionen sollten genau analysiert und im Zweifel abgeschaltet werden – es empfiehlt sich, die Sicherheitskonzeption zu erweitern.
  • Einführung einer wie auch immer gearteten Cloud
  • Office 365 ja oder nein? Diese Frage stellt sich schnell
  • Cloud-Speicher „OneDrive for Business“

Insgesamt eine sehr ausführliche Betrachtung, von Sven Haustedt, an der sich IT-Entscheider in Unternehmen orientieren können.

Artikelreihe:
Pro Windows 10 im Unternehmen – Teil 1
Contra Windows 10 im Unternehmen – Teil 2
Umsteigen auf Windows 10 – eine Bewertung aus Unternehmenssicht – Teil 3
Windows 10 – das stört mich – Teil 4


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5 Antworten zu Umsteigen auf Windows 10 – eine Bewertung aus Unternehmenssicht – Teil 3


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  2. Andreas K. sagt:

    Guten Morgen,
    die Steuerung von Updates hat Microsoft doch gerade komplizierter gemacht, las ich. Nur noch Verschiebung um einige Monate nach hinten, danach Zwangsinstallation. Oder läßt sich das über WSUS detailiert steuern?

  3. AlTa sagt:

    Wenn ich es richtig verstanden habe geht es um die Feature Updates (früher Servicepacks), die lassen sich aufschieben für eine bestimmte Zeit müssen dann aber doch installiert werden…
    “Normale” Patches gehen natürlich noch über WSUS etc.
    Gruß

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  5. Dieter Schmitz sagt:

    Zitat:
    “Nicht alle neuen Features können auf diese Weise abgeschaltet werden. Microsoft hat hier reagiert und eine dedizierte Webseite dazu ins Leben gerufen.

    Welche Webseite meint der Autor?

    Hat jemand einen Link?

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