BBC: Linus Torvalds erklärt sich

Linux-Erfinder Linus Torvalds hat sich ja kürzlich temporär als Kernel-Maintainer zurückgezogen. Nun hat Torvalds gegenüber der BBC in einer Mail einige Erklärungen für diesen Schritt gegeben und Hintergrundinformationen offen gelegt.


Anzeige

Hintergrund des Ganzen ist, dass Torvalds, im Hinblick auf den Umgang mit anderen Entwicklern, an sich arbeiten will. Er ist ja bei Entwicklern für seine oft harschen Worte und Reaktionen bekannt und gefürchtet. Das ist aber längst bekannt. Weil es in der Kommunikation und im Umgang zwischen den Linux-Entwickler oft recht ruppig zugeht, gibt es seit 2015 wohl Verhaltensregeln (Code of Conduct) für die Community. Nun hat Torvalds diese wohl nicht immer eingehalten und hatte auch die Einstellung 'zu viel Political Correctness' kann auch 'erden'. Kürzlich hat er sich dafür entschuldigt (siehe Ups, Linus Torvalds sagt sorry für sein Verhalten) und gleichzeitig den temporären Rückzug aus der 'vordersten Reihe' angekündigt – solange, bis er das im Griff hat.

Interessante Hintergrundinformationen

In einer Mail an die BBC hat Linus Torvalds einige Hintergründe und Überlegungen für diesen Schritt offen gelegt. Er gab eigenes kritisches Verhalten zu, ergänzte aber, dass die Linux-Community auch die Art und Weise, wie sie sich verhält, im Auge behalten muss. Er spricht gegenüber der BBC davon, das Teile der Community zu "einem Morast der Bosheit" ("a morass of nastiness") geworden seien.

Technischer Fokus versus Diskussion um Nebenthemen

In der Mail an BBC, die hier in Englisch abrufbar ist, schreibt er, dass ihn eigentlich die technische Seite interessiert und er sich eigentlich aus den anderen Diskussion am liebsten heraus halten wolle – die interessieren ihn nicht. Menschen und die Kommunikation mit den sei nicht so seine Stärke – schon als Kind sei er kein Menschenfreund gewesen.

Er lässt auch anklingen, dass die letzten Episoden und Diskussionen um Linux ihn bewogen haben, erst einmal aus der vordersten Reihe als Maintainer zurückzutreten. Es sei nicht nur sein Mangel an Sozialkompetenz, es seien die Diskussionen selbst, die ihn wohl bewegten. Er schreibt:

Der Vorteil der Konzentration auf die Technologie ist, dass man einige meist objektive Maßnahmen und eine Grundlage für die Zustimmung haben kann, und man kann eine sehr nette und gesunde Gemeinschaft um sich haben. Ich bin wirklich von der Technologie motiviert, aber auch die Community rund um Linux war sehr positiv.

Aber es gibt sehr greifbare und unmittelbare gemeinsame Ziele in jedem technischen Projekt wie Linux, und während es gelegentlich Meinungsverschiedenheiten darüber gibt, wie man ein bestimmtes Problem lösen kann, gibt es eine sehr reale Kohäsionskraft in diesem gemeinsamen Ziel, das Projekt zu verbessern.

Und selbst wenn es Meinungsverschiedenheiten gibt, haben die Menschen am Ende oft ziemlich klare und objektive Messungen, was besser ist. Code, der schneller, einfacher ist oder natürlich mehr Fälle handhabt, ist objektiv einfach "besser", ohne dass die Leute wirklich zu viel darüber diskutieren müssen.

Was ihn aber stört, ist das 'drumherum', wo es nicht um Technik, sondern um Argumente, und nicht enden wollende Diskussionen geht. Er schreibt, dass es dann auf Twitter Nachrichten von Leuten zum Thema gebe, die rein gar nichts mit der technischen Seite zu tun hätten, aber Storys 'hypen'. Es sei 'ein Sumpf der Bosheit'. Anstelle eines "gemeinsamen Ziels" komme es zu schrecklichen Kämpfen zwischen verschiedenen "In-Gruppen". Er schreibt dazu:

Es ist sehr polarisierend, und beide Seiten lieben es, die andere Seite anzustacheln. Es ist nicht einmal eine "Diskussion", es sind nur Leute, die sich gegenseitig anschreien.

Das sei eigentlich der Grund, warum er sich schon lange nicht mehr an der gesamten CoC-Diskussion (Conduct of Code) beteiligen wollte. Dieses ganze Thema scheint sich in seinen Augen sehr leicht zu entwickeln und unproduktiv zu werden. Das Ganze muss man auch unter dem Gesichtspunkt der aktuellen Diskussionen in den USA um Political Correctness, sexuelles Fehlverhalten und so weiter sehen.

Die USA und Political Correctness

Scheinbar lief einiges auf Kritik hinaus, die er als scheinheilig und unter der Gürtellinie empfand. Es habe so manchen Twitter-Shit-Storm gegeben, wo er als 'white cis male' (weißer männlicher Cisgender, weißer Macho passt nicht ganz, Chauvinist trifft es eher) betitelt wurde.

Torvalds schreibt, dass er seine Vorbehalte gegen übertriebene politische Korrektheit habe, und diesem Thema auch (fälschlich) nur eine geringe Bedeutung zugemessen habe. Das scheint dann aber auf einen Konflikt hinaus gelaufen zu sein, wo seine Haltung von interessierten Gruppen aus der nationalistischen Ebene Amerikas vereinnahmt wurde. Aber er möchte absolut nicht im selben Lager wie 'der niederträchtige Abschaum im Internet' gesehen werden, der denkt, dass es in Ordnung ist, ein weißer nationalistischer Nazi zu sein, und ein wirklich böses misogynes, homophobes oder transphobisches Verhalten an den Tag legt. Diese Leute beschwerten sich auch über zu viel politische Korrektheit und ließen dabei Torvalds öffentliche Haltung schlecht aussehen.


Anzeige

So sei am Ende seine "Ich will wirklich nicht zu PC [Political Correct] sein"-Haltung einfach unhaltbar geworden. Er schreibt dazu: 'Zum Teil, weil Sie von mir definitiv einige E-Mails finden können, die einfach völlig inakzeptabel waren, und ich muss das in Zukunft korrigieren. Aber zu einem großen Teil auch, weil ich nicht mit vielen Leuten [aus der oben zitierten Gruppe der Internet-Hater] in Verbindung gebracht werden will, die sich über übertriebene politische Korrektheit beschweren.'

Torvalds kündigt an, an seinem Kommunikationsstil arbeiten zu wollen und einen professionellen Therapeuten zu finden hofft, mit dem er sprechen kann. Zudem will er per Filter ausgehende E-Mails entschärfen, geht aber davon aus, dass er nicht zur 'einfühlsamste Person' mutiere. Das Ganze ist, denke ich, auch unter der politischen Agenda und die Diskussion um Political Correctness in den USA zu sehen. Wer sich für das Thema interessiert, kann den Text von Torvalds, der noch weitere Argumente und Details enthält, hier nachlesen. Ich finde es auf jeden Fall eine bemerkenswerte Stellungnahme.


Cookies blockieren entzieht uns die Finanzierung: Cookie-Einstellungen

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit Allgemein verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

1 Antwort zu BBC: Linus Torvalds erklärt sich

  1. Henry Barson sagt:

    2015 kam der Code of Conflict und war auch völlig ausreichend, siehe dazu auch https://git.kernel.org/cgit/linux/kernel/git/torvalds/linux.git/commit/?id=b0bc65729070b9cbdbb53ff042984a3c545a0e34

    Das SJW-Gerümpel ist ja jetzt erst in Zusammenhang mit Torvalds Auszeit aufs Tableau gekommen.

    Man kann nur das Beste für die Kernel-Entwicklung hoffen!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Hinweis: Bitte beachtet die Regeln zum Kommentieren im Blog (Erstkommentare und Verlinktes landet in der Moderation, gebe ich alle paar Stunden frei, SEO-Posts/SPAM lösche ich rigoros). Kommentare abseits des Themas bitte unter Diskussion.