ReactOS ist nur ein Plagiat des ‘Windows Research Kernels’

Ein Microsoft Kernel-Entwickler hat sich mit der Aussage positioniert, dass  ReactOS schlicht ein Plagiat (rip-off) des ‘Windows Research Kernels’ sei. Er ist der Ansicht, dass es „absolut unmöglich sei, dass ReactOS von Null auf neu entwickelt wurde“.


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ReactOS ist ja ein Clone von Windows XP, welches aber seit Jahren nicht in die Hufe kommt und mehr schlecht als recht läuft. Ich hatte letztmalig im März über das Betriebssystem berichtet (siehe ReactOS 0.4.11 freigegeben).

ReactOS, die Hintergründe

Für Blog-Leser/innen, die nichts mit der Bezeichnung anfangen können, einige Informationen. ReactOS ist ein Softwareprojekt zur Entwicklung eines freien Betriebssystems. Das Betriebssystem ist größtenteils unter der GNU GPL lizenziert worden, einige seiner Bestandteile jedoch unter der LGPL oder unter der BSD-Lizenz.

Das Ziel von ReactOS ist es, binärkompatibel zu Windows zu sein, konkret soll die Binärkompatibilität zum Kernel von Windows NT erreicht werden. Dies sollte es ermöglichen, Programme und Gerätetreiber, die für Windows NT und dessen Nachfolger Windows XP, Windows Server 2003 und Windows 7 entwickelt wurden, zu verwenden. Dazu wird unter anderem die Programmierschnittstelle Win32 nachgebildet.

ReactOS

Darüber wurde eine an Windows XP angelehnte GUI gestülpt (siehe Bild). ReactOS wurde aus diesem Grunde von Russland offiziell zur fördernswerten Windows-Alternative erklärt, was bisher allerdings keine Maßnahmen nach sich zog. Das Projekt wurde bereits 1996 als „FreeWin95“ ins Leben gerufen – weitere Details zur Historie lassen sich bei Wikipedia nachlesen.

Der Plagiats-Vorwurf

The Register hat die Geschichte in diesem Artikel zusammen getragen. Das Ganze geht auf Axel Rietschin, Kernel-Entwickler bei Microsoft zurück. Rietschin behauptet, dass ReactOS „ein Ripoff des Windows Research Kernel ist, den Microsoft an Universitäten lizenziert hat“. Er habe den Code von ReactOS stichprobenartig angesehen und ist überzeugt, dass dieser niemals im ‘Reinraum’ neu geschrieben wurde. Vielmehr geht er davon aus, dass Teile des Windows Research Kernel, dessen Quellcode wohl Universitäten vorliegt, einfach übernommen wurden.

„I think it’s a ripoff of the Windows Research Kernel that Microsoft licensed to universities under an agreement that was obviously violated by some, as the code has been uploaded to numerous places, some of it on GitHub. I glanced at the ReactOS code tree, and in my opinion, there is absolutely no way on Earth this was written from a clean sheet only from the available public documentation.”

Rietschin, der laut LinkedIn-Profil derzeit „Senior Software Engineer (Windows Base Kernel, Container Technologies)“ ist, hat die Anschuldigung Ende 2017 erhoben, wo das Ganze aber versickerte. Daher hat er das Ganze aktuell mit einem Beitrag auf Hacker News untermauert.

Der Quellcode von Windows unterliegt dem Copyright von Microsoft, steht aber in Teilen für Forschungszwecke zur Verfügung. In den vergangenen Jahren kam es daher immer wieder zu Leaks von Quellcode-Teilen. Der ReactOS-Entwickler Alex Ionescu hat auf der Sicherheitskonferenz von OffensiveCon über die von ihm verwendeten Methoden gesprochen. Eine seiner Sessions dort lautete „Reversing without reversing“, und ist online verfügbar.


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Ich würde sagen, das läuft auf einen akademischen Streit hinaus. Praktisch kommt der Sache wenig Bedeutung zu, da ReactOS bisher immer noch nicht wirklich einsatzfähig ist. Andererseits verlagert Microsoft seine Geschäftsmodelle immer mehr in die Cloud, so dass ich von ReactOS keine Konkurrenz erwarte.


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9 Antworten zu ReactOS ist nur ein Plagiat des ‘Windows Research Kernels’

  1. RUTZ-AhA sagt:

    Ich denke mir, solange sich MS nicht zum Eingreifen genötigt sieht, läuft alles im Rahmen des Erlaubten.
    Mich wundert am meisten, dass der Entwickler Ionescu nicht die Lust an diesem Kaugummiprojekt verliert. Aus seinem Hobby hat er anscheinend eine Lebensaufgabe gemacht.

    • 1ST1 sagt:

      Nicht im Rahmen des Erlaubten, sondern derzeit im Rahmen des Geduldeten. Fragt sich nur wie lange noch, es sei denn die Reactos-Entwickler können es sicher wiederlegen.

    • Oliver sagt:

      Genau dieses Engagement von Ionescu hat für mich schon einige Zeit ein G’schmäckle.

      Ionescu war es der vor Jahren einen BSD-lizensierten Kernel namens TinyKRNL „verlegte“, der auch kompatibel zum Windowskernel sein sollte. Dort gab es damals ähnliche Vorwürfe, woraufhin das Projekt eingestampft wurde und alle Quellen „spurlos“ verschwanden. Der ein oder andere dürfte sich erinnern oder noch ein Backup herumliegen haben.

      Alex Ionescu ist Mitautor der neueren Ausgaben von Windows Internals und hat enge Kontakte mit Microsoft. Er hat auch mindestens – schon vor Jahren – dort auf dem Campus ein Praktikum absolviert.

      Als Mitautor von Windows Internals dürfte er schon seit längerem Zugang zum Windowsquelltext haben (laut einem Seminarleiter von OSR ist das jetzt nicht so extrem schwer wie man denkt, ist nur seeeehr bürokratisch). Daß es so Namen von Bezeichnern in die Quellen schaffen wäre jetzt nicht überraschend. Ohnehin denke ich, daß Rietschin hier überbewertet wie originell die Namen sind. Denn vieles ergibt sich allein aus der Lektüre von Büchern ala Windows Internals (und da gibt es ja durchaus noch einige die nicht von Microsoft Press selbst verlegt werden).

  2. Blupp sagt:

    Vor längerer Zeit stand das ReactOS Projekt wegen solcher Vorwürfe schon einmal still. Der Entwickler hat das Projekt einer genauen Prüfung unterzogen um sicher zu stellen, dass da wirklich kein Windowscode drin vorkommt.
    https://www.heise.de/newsticker/meldung/Windows-Kloner-lassen-sich-nicht-bremsen-177331.html

    Jetzt kommt mal wieder ein Windows-Entwickler der solche Argumente rauskramt. Hat der den Code geprüft? Oder glaubt er nur? Hat er Ähnlichkeiten gefunden? Letzteres kann ich mir vorstellen, will man binärkompatibel sein hat man ähnliche Probleme zu lösen die dann zu ähnlichen Code führen können. Einen Codeklau müsste der Windowsentwickler dann genau belegen.

    Ich finde, bevor man an so einem Hobbyprojekt rumnörgelt sollte man das eigene System vernünftig programmieren und nicht solchen Binärschrott wie zur Zeit bei Windows üblich auf die Menschheit loslassen.

  3. Hansi sagt:

    Die nächste ReactOS-Version, 0.4.12, ist eigentlich schon längst überfällig. Allgemein muss man sagen, daß ReactOS „alpha“ ist und noch lange nicht reif für den Produktiveinsatz ist. Aber es gab in den letzten Jahren eine positive Entwicklung. Wine entwickelt sich auch sehr gut, die beiden Projekte arbeiten teilweise zusammen.

    Ich denke, daß MS panische Angst davor hat, daß die Leute, die heute noch mit Windows7 unterwegs sind, bis 2020 (oder mit Supportverlängerung bis 2023) bei ihrem bewährten System bleiben, und danach möglicherweise auf ReactOS wechseln. Wer heute noch mit Windows7 arbeitet, der wird nicht auf W10 upgraden und auch neueren Offices etc skeptisch gegenüberstehen. Um diese Skeptiker zu überzeugen, müsste MS den ganzen Telemetrie- und Spyware-Krempel entfernen, und zwar komplett und rückstandsfrei, also sozusagen eine W10 Pro LTSC mit deinstallierbarer MS-Malware. Das ist aber kaum zu erwarten, Daten sind das neue Gold (Facebook&Co kalkulieren mit 5$/User/Monat Datenwert) und praktisch die gesamte MS-Anwendunggsoftware (MS Office, Edge, …) telefoniert ja zusätzlich zum Betrübssystem auch noch nachhause wie Weltmeister oder speichert halt gleich in der Cloud, der neueste Schrei sind z.B. Rechtschreibprüfungen via Cloud.

    So wie ich das sehe, geht es dem MS-Typen wohl darum, den Leuten den möglichen Migrationspfad auf ReactOS schon heute zu vermiesen, damit die Leute Angst bekommen und endlich ihr schönes neues W10 akzeptieren.

    Ich für meinen Teil werde solange wie möglich bei Windows7 bleiben (bis auf einen Spielerechner), auch nach Supportende, und wenn es z.B. wegen neuer Hardware gar nicht mehr anders geht, werde ich Linux zum Hauptsystem machen, und Windows 7 läuft dann eben in VMWare. Windows10 ist eine nette Spielerei, mehr aber auch nicht. Ich freue mich schon auf Windows7 ohne neue Updates, das wird so richtig schön entspannend werden. In extremen Notfällen wird MS hoffentlich ein Security Update für alle raushauen, haben sie ja für Windows XP auch gemacht, lange nach dem Supportende.

    https://support.microsoft.com/en-us/help/4025687/microsoft-security-advisory-4025685-guidance-for-older-platforms

    • Hans Thölen sagt:

      Diesem Kommentar kann ich zu 100 % zustimmen. Auch ich werde bei
      Windows 7 bleiben, und Windows 10 as a Service kommt auf meinen PC
      niemals drauf. Auch Linux ist für mich keine Alternative. Wie es in der
      Zukunft weitergeht, daß ist für mich mit meinen 80 Jahren nicht mehr
      die existenzielle Frage. Viele Behörden und Institutionen auf der Welt
      arbeiten noch mit Windows XP, da geht das auch noch.

    • Günter Born sagt:

      Zum Migrationspfad: Offen gestanden, gibt es keinen Migrationspfad, der Sinn macht! Ich verfolge das Projekt aus einem anderen Grund. Die Idee: Aus so etwas einen Min-Win-Kernel schnitzen und als Kompatibilitätsschicht für Windows-Anwendungen in einer VM unter Linux ausführen. Aber das Projekt ist, auch bei meinem letzten Test, dermaßen unstabil, dass das einfach keinen Sinn macht.

      Zudem wäre Windows XP-Binärkompatibilität ein großer Rückschritt – 2023 wird es für Windows 7 auch kaum noch Software geben, die da noch für diese Plattform gepflegt wird. Aktuell denke ich daher darüber nach, einige Windows 7-Lizenzen zu sichern und mein Projekt Min-Win-Kernel daraus zu derivieren.

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