München will nach Linux-Ausstieg auf Open Source setzen

Verstehe einer die Welt oder die Politiker von München. Nachdem der Ausstieg aus dem LiMux-Projekt und dem Wechsel auf Windows sowie Microsoft Office beschlossen und angestoßen war, gibt es jetzt ein Bekenntnis zu Open Source-Software.


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Rückblick: München und die Abkehr von LiMux

Zuerst ein kurzer Rückblick: München setzte in seiner Stadtverwaltung seit 2004 auf Linux und Open Source (OpenOffice/LibreOffice). Die Entscheidung war seinerzeit durch Rot-Grün getroffen worden, um sich von der Abhängigkeit Microsofts zu lösen und Lizenzkosten einzusparen.

Mit den sich wandelnden politischen Verhältnissen war das Projekt in die Mühlen der Parteipolitik geraten. Bereits 2016 kristallisierte sich heraus, dass einzelne Fraktionen im Stadtrat, u.a. der Bürgermeister, aus der Linux- und Open Source-Infrastruktur aussteigen und auf Lösungen mit Microsoft Windows-Clients sowie Office-Lösungen umschwenken wollen.

Im Artikel Münchens Intrigantenstadel: Neues zu LiMux und der Rückkehr zu Microsoft hatte ich seinerzeit einige Details berichtet. Von der Verwaltung wurde die Unternehmensberatung Accenture (mit Microsoft verbandelt) beauftragt, ein IT-Konzept für die zukünftige Entwicklung der IT-Systeme für die Stadtverwaltung zu erstellen. Dort ging es aber um die IT-Struktur der Stadt, die auf neue Füße gestellt wurde. Die Gutachter von Accenture empfahlen, den Neuaufbau eines Windows-Clients und die weitere Verwendung des LiMux-Clients auf diversen Arbeitsstationen.

Im Februar 2017 fiel im Stadtrat von München die Entscheidung, die Linux-Clients bis 2020 auf Microsofts Windows 10 im Verbund mit Microsoft Office 365 umzustellen. In den Links am Artikelende lassen sich einige Informationen zu dieser Entwicklung nachlesen. Ein Abriss des gesamten Themas findet sich bei Golem im Artikel LIMUX: Die tragische Geschichte eines Leuchtturm-Projekts.

München: Bekenntnis zu „Public Money? Public Code!“

Bereits letzte Woche hatte mich Blog-Leser Al CID auf diesen Artikel hingewiesen (danke dafür). Nach den Wahlen im März 2020 gibt es neue politische Verhältnisse. Der 2014 zwischen der SPD und der CDU geschlossene Koalitionsvertrag gilt nicht mehr, die Amtsperiode von Dieter Reiter (SPD) als Münchner Oberbürgermeister endet damit.

In Folge der Wahl 2020 gibt es eine neue Koalition von SPD und Grünen in München, die sich vor einer guten Woche auf einen Koalitionsvertrag geeinigt haben. Dieser Koalitionsvertrag enthält ein Bekenntnis zur Nutzung Freier Software: Künftig soll das Prinzip „Public Money? Public Code!“ gelten. Die Free Software Foundation Europe hatte dies schon immer gefordert und berichtete hier über diesen neuerlichen Schwenk Münchens. Auch heise hat diesen Artikel zum Thema veröffentlicht. Was aber letztendlich am Ende des Tages dabei heraus kommt, der Koalitionsvertrag lässt Schlupflöcher, ob LiMux weiter lebt, all dies wird man sehen. Aber eine starke Komponente ‘Rein in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln’ hat das Ganze schon – oder wie seht ihr das?

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9 Antworten zu München will nach Linux-Ausstieg auf Open Source setzen

  1. Sam sagt:

    Für mich ist das weder hin und her noch rein und raus.
    Das Betriebssystem und Office ist das eine, Open Source etwas anderes. Zu entscheiden, dass man auf das für wohl die meisten Anwender Standard-System (Windows) gehen möchte ist zwar schade, aber ich finde es gut, dass sie trotzdem versuchen soweit möglich an Open Source festzuhalten.
    Am besten wäre alle Ämter würden gemeinsam in große Open Source Programme investieren. Kommt ja vielleicht irgendwann…

    • 1ST1 sagt:

      Wenn ich sehe, was für ein Hängen und Würgen das in meinem Kollegenkreis ist, um mit Linux und LibreOffice auch nur annähernd die Integration von Office-Dateien zu bearbeiten, Webdokus, geteilte Notitzen und Telko unter einen Hut zu bekommen, was mit MS-Office / OneNote / Skype/Teams nahtlos ineinander greift, kann ich nicht verstehen, dass jemand für diese Arbeiten die Linux-Plattform bevorzugt. Linux mag zwar oberflächlich an Windows herangekommen sein, in manchen Punkten (Sicherheit!) meistens an Windows vorbeigezogen zu sein, aber die Softwareintegration, die ganze Verknüpfung im AD, abgerundet durch die Cloudfunkionen (wobei man das auch kritisch betrachten muss!), aber aus dem Blickwinkel braucht die Linux-Plattform aus eigener Kraft noch Jahrzehnte um aufzuholen. Es sei denn MS würde MS-Office / Outlook / OneNote / Teams / Sharepoint und letztlich die ganze AD-Funktionalität und was da sonst noch dazu gehört, auf Linux mit Samba-4 portieren. Dann wärs echt ein Knüller. Eher wird aber die Hölle wirklich zufrieren und Windows einen Linux-Kernel bekommen.

      • Chris sagt:

        Hallo 1ST1,
        Integration von Office Dateien sollte es doch gar nicht benötigen, wenn man die Dateien OpenDocument konform abspeichert. Geht doch auch mit Office, oder nicht? Bin da jetzt nicht der Fachmann und kenne die komplexität einzelner Office Dateien nicht und ob das ganz einfach auch im OpenDocument Format umsetzbar ist mit Microsoft Office.
        Hab ich da zu einfach gedacht?

        Gruß Chris

        • 1ST1 sagt:

          Wohl noch nicht gesehen, dass man mittlerweile per Teams gemeinsam und gleichzeitig an ein und dem selben Word-Dokument oder Exceltabelle arbeiten kann? Man sieht da live, was der andere gerade macht… Office ist mittlerweile nicht mehr nur ein Dateiformat, und selbst da hinkt LibreOffice gnadenlos hinterher, was die wirklich saubere Übernahme aller Formatierungen in MS-Office angeht. Schon einfache Sachen wir Rahmenattribute von (überlagernden) Textfeldern gehen da schief. Wenn zwei Leute sich gegenseitig Docs zusenden und wechselseitig daran arbeiten, der eine mit Word und der andere mit Writer, dann ist das ruckszuck formatmäßig unbrauchbar.

          • Chris sagt:

            Doch klar kenne ich dieses gemeinsame Arbeiten an Dokumenten. Kenn ich aber auch von OnlyOffice und der Nextcloud z.B..
            Wie gesagt, zu komplexen Dateien kann ich nicht viel sagen. Da hab ich keine Ahnung und so wie du das schreibst gibt es wohl doch noch zu große Unterschiede. Leider.
            Bin mal gespannt wie das in München weiter geht.

            Gruß Chris

      • Thierry sagt:

        Das stimmt nicht ganz. Jetzt sind wir mit Libre Office Version: 6.3.5.2 (x64) und ich kann dir bestätigen, dass ich sogar Plakate DIN A2 (Mikrometer genau), Flyers, relationnele Datenbanken usw. damit gestalte… und das zwar viel besser als mit LO. Auf die ganze Reihe Adobe Illustrator, in Design, Office usw. kann ich vollkomen verzichten. Und das was in München mit LimUx passiert ist, hängt nur mit den Interessen von Microsoft zusammen, denn der Laden hat seinen Sitz in München… noch Fragen?

  2. Steter Tropfen sagt:

    Die Amtsperiode des Oberbürgermeisters endete zwar mit der letzten Kommunalwahl, aber er ist erneut gewählt worden. Man sollte jedoch keinen Zusammenhang zwischen seiner Person und dem Abschied von Linux konstruieren wollen: Die Klagen über die Unzulänglichkeiten des Systems kamen von verschiedenen Seiten der Verwaltung. Da braucht es gar keine Intrigen, ich kann mir gut vorstellen, dass es an allen Ecken und Enden gehakt hat.

    Es ist einfach vermessen, wenn eine Stadt meint, sich im Alleingang eine eigene Verwaltungs-IT stricken zu müssen! Um das zu entwickeln, gehört eine wirklich professionelle, erfahrene Firma her, die aus dem Etat einer einzelnen Kommune gar nicht zu bezahlen ist.
    Insofern hat MS einfach die Nase vorn vor einem OpenSource-Mitbring-Buffet wie Linux.
    Wer von Microsoft unabhängig werden will, muss sich Verbündete suchen und gemeinsam – europaweit! – etwas aufbauen. Aber auch das wäre einfacher gewesen, wenn man damit vor 20 Jahren angefangen hätte, bevor alles digital durchvernetzt und die Standards zementiert waren.

  3. Max sagt:

    Es ist ja nicht so, dass Kommunen nicht Open-Source könnten. Es ist eine Frage des Wollens. Die italienische Stadt Vicenza entschied sich 2016 für Zorin OS, das ich privat auch nutze. Sie setzen das immerhin auf rund 900 Rechnern ein! Es erinnert in seinem Aufbau an Windows, ist kinderleicht zu bedienen und wohl einfacher zu verwalten als eine selbstentwickelte Linux-Distribution.

    Quelle:
    https://www.comune.vicenza.it/albo/notizie.php/146680

    Für die meisten Gemeinden in Deutschland sollte Zorin OS vollkommen ausreichen. Dann könnten öffentlich angestellte Softwareentwickler einheitliche Module und Datenschnittstellen (API) entwickeln, die für alle Kommunen, Kreise und Länder bzw. deren Behörden verbindlich sind, um so auch die behördenübergreifende Kooperation zu ermöglichen.

    Ich denke, das wäre der sinnvollste Weg, denn im Prinzip ist das Credo „Public Money? Public Code!“ so nur zu unterstreichen.

    • Ulf sagt:

      Dann hat man mit Zorin OS ein Betriebssystem auf dem Rechner – toll, und weiter? Was läuft dann da drauf? Wo kommen die Anwendungen her? Mit einem Office-Paket ist es ja (bei weitem!) nicht getan. Bei LiMux kamen die Anwendungen vom Windows-Terminalserver. Halte ich persönlich für nicht zielführend.

      Wenn man mit „Public Money, public Code“ anfängt, dann muss man meiner Meinung nach nicht beim Betriebssystem anfangen, sondern bei den Anwendungen.

      Bei Deiner verlinkten Quelle aus Italien spricht Goolge Translate im Übrigen davon, dass Zorin OS experimentell auf einigen kommunalen Rechnern der Stadt Vicenza installiert werden soll. Es heißt auch, dass die Stadtverwaltung 700 Arbeitsplätze für 895 Mitarbeiter hätte – kein Wort von 900 auf Linux umgestellten Rechnern. Die Suche nach „Zorin“ und „Vicenza“ hat auch nur Artikel aus 2016 über die Ankündigung dieses Versuchs zu Tage gefördert – keinen über dessen Ausgang oder dass die Stadt Vicenza komplett auf Linux umgestellt hätte.

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