Analogrechner – die gibt es noch … sind im kommen

Ende der Woche erreichte mich eine Einladung der FH-Münster, deren Fachbereich Elektrotechnik und Informatik der FH Münster am Mittwoch (13. Oktober) einen Vortrag über diese alte und zugleich aktuelle Technologie der Analogrechner hält. Ich dachte "Stelle es mal in den Blog hier ein, für all die Youngster".


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Ein Gruß aus der Gruft

Hach, es war ein Gruß aus der Gruft, den mir die FH-Münster zukommen ließ, aber es lag irgendwie in der Luft. So als IT-Relikt stamme ich noch aus einer Zeit, in der ich in der Lehre heftig mit einem "Analogrechner" in Form eines Rechenschiebers gewerkelt habe. Und vor 2.000 Jahren hat schon jemand einen komplexen Analogrechner konstruiert, der als Mechanismus von Antikythera bekannt ist.

Der Druck der Digitaltechnik

1974 musste ich dann mehr oder weniger zwangsweise vom Rechenschieber auf einen digitalen Taschenrechner umsteigen, weil mir in den Mathe-Klausuren der damaligen Berufsaufbauschule (10. Klasse) einfach nicht genügend Zeit eingeräumt wurde, um die Ergebnisse in der geforderten Präzision zu ermitteln. O-Ton eines Lehrer: Wenn ihr später als Ingenieure eure Statikberechnungen macht, braucht ihr exakte Ergebnisse und müsst das Ganze in endlicher Zeit durcharbeiten. In der Berufsschule gab es dann zwei Räume mit zig mechanischen Rechenmaschinen, die während der Klausuren benutzt werden konnten. Aber alle Berufsaufbauschüler hatten sich eigene digitale Taschenrechner besorgt, so dass sie deren Bedienung beherrschten, was bei den Rechenmaschinen nicht zutraf, da wir diese nur stundenweise in den Klausuren verwenden durften.

Digital- und Analogrechner im Studium

Als ich von 1976 bis 1979 an einer Fachhochschule studierte, bin ich zwar mit Digitalrechnern (IBM Großrechner, Krantz Mulby 3, Dec PDP 11) konfrontiert worden. Aber es gab sie damals noch, die Analogrechner, die u.a. über Jahre in der Raumfahrt eingesetzt worden waren. Problem war, dass deren Programmierung einfach zu aufwändig war – hieß Hardware umstöpseln, während bei Digitalrechnern nur die Programme anzupassen waren. Aber im Studium habe ich noch in Elektronik einige Schaltungen für Analogrechner kennen gelernt und auch im Labor noch mit so etwas gearbeitet.

Fehlentwicklung, oder defätistische Denke?

Vor einigen Wochen schoss mir plötzlich ein ganz defätistischer Gedanke durch den Kopf, als ich auf einem langen Spaziergang durch den spätsommerlichen Wald unterwegs war und über die Entwicklung von Windows – und speziell Windows 11 – nachdachte. Da war er, dieser Gedanke "Wäre unsere Welt heute eine andere oder bessere, zumindest in Bezug auf die IT, wenn damals, Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre, die Analogrechner breiter eingesetzt worden wären?"

Zumindest in der Regelungstechnik hat die Analogtechnik mit PID-Reglern ziemliche Vorteile – und ich erinnere mich, in den achtziger Jahren bei einigen Entwicklern (Informatiker von der Ausbildung) von digitalen Rechnersystemen für die Regelungstechnik die Grundzüge der analogen Regelungstechnik mit P-, I- und D-Verhalten eingespeist zu haben.

So mancher wird diesen Gedanken auch bei Gleich- und Wechselstrom oder beim Antrieb für Fahrzeuge, wo die Entwicklung von PKWs mit Elektromotor den Wettbewerb gegen Verbrenner verlor, hegen. Als diese Technologien entwickelt wurden, war nicht klar, welche sich längerfristig durchsetzen würde. Heute denken wir in diesen beiden Technologien teilweise wieder um. Denn wie so oft, hat jede Technologie ihre Vor- und Nachteile bzw. Stärken und Schwächen.

Analogrechner wieder im kommen

Und wie es der Zufall so will, kam am 10. Oktober 2021 dann die Einladung der FH-Münster (irgendwie bin ich auf deren Presseverteiler geraten). Hier die Mitteilung:

Die Zukunft ist analog

Fachbereich Elektrotechnik und Informatik der FH Münster lädt ein zu Vortrag über Analogrechner

Mitte der 1980er Jahre wurden sie zunehmend durch Digitalrechner verdrängt, jetzt sind sie wieder im Gespräch: Analogrechner. Während gängige digitale Computer inzwischen in einigen Bereichen an ihre Grenzen stoßen, hat das Rechnen mittels mechanischer und elektrischer Vorgänge, das bereits im 19. Jahrhundert entwickelt wurde, wieder Zukunftspotenzial. In seinem öffentlichen Vortrag „Die Zukunft ist analog – Neue Rechnergenerationen ‚Beyond Moore'" spricht Dr. Sven Köppel, Mitgründer des Berliner Start-ups „anabrid", auf Einladung des Fachbereichs Elektrotechnik und Informatik der FH Münster am Mittwoch (13. Oktober) über diese alte und zugleich aktuelle Technologie. Die Veranstaltung beginnt um 17:15 Uhr in Raum D 144 auf dem Steinfurter Campus, Stegerwaldstraße 39. Es gelten die allgemeinen Hygieneregeln sowie die 3G (genesen, getestet oder geimpft). Eine Anmeldung zum Vortrag ist erforderlich unter fh.ms/analogrechner.

„Neue exotische Computerarchitekturen fordern Digitalrechner zunehmend heraus", erläutert Köppel. „Dazu zählen etwa das Quantencomputing oder Künstliche Intelligenz." Lange Zeit habe im Bereich der Halbleitertechnologie das sogenannte „Moore'sche Gesetz" gegolten, wonach sich die Komplexität integrierter Schaltkreise regelmäßig verdoppele. „Heute sehen wir allerdings, dass die Fortschritte digitaler Rechentechniken auf absehbare Zeit zum Stagnieren kommen werden", betont der Physiker. Das elektrische Analogrechnen könne einerseits als Brückentechnologie dienen. Zudem sei das Rechnen mit analogen Spannungen und Strömen neben Digital- und Quantencomputern auch eine ganz eigene, vielversprechende Computerarchitektur. „Analogrechner sind bei vielen Problemen energiesparender und schneller als Digitalrechner", erklärt Köppel. In seinem Vortrag beleuchtet er Anwendungsfelder für Analogrechner von Künstlicher Intelligenz über Fluidsimulationen bis hin zu Portables und Medizintechnik.

Der Vortrag ist Teil des Kolloquiums des Fachbereichs Elektrotechnik und Informatik der FH Münster.

Weitere Informationen und Anmeldung zum Vortrag: https://fh.ms/analogrechner

Ist zwar schade, die Veranstaltung muss man ganz analog vor Ort besuchen – weshalb das für mich ausfällt – nach Frankfurt wäre ich ja zur Uni gefahren. Eine digitale Übertragung in dieses Internet wollte die FH wohl nicht leisten – aber vielleicht hockt einer der Leser/innen in der Nähe von Münster und will hin. Und für den Rest der Leserschaft gibt: Für die alten Recken ein Gruß aus unserer Vergangenheit – für die Youngster der Wink mit dem Scheunentor "Vor Facebook, TikTok & Co. habe wir nicht auf den Bäumen gelebt, sondern sind mit Analog- und Digitaltechnik sogar bis zum Mond gekommen". Hach, schon wieder eine der alten Kamellen aus dem Kartoffelkrieg. Aber ich finde es spannend, wie solche Themen plötzlich wieder aufgegriffen werden.


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9 Antworten zu Analogrechner – die gibt es noch … sind im kommen

  1. David sagt:

    Vielen Dank für die Info.
    Ich hatte, vor einigen Jahren, das Glück, einem Vortrag zu analogen Rechnern in Glashütte/SA beizuwohnen.
    Für mich ein völlig neue/alte Welt. Ich bin zwar analog aufgewachsen, habe diese "Teile" jedoch nach der Schule nicht mehr benutzt.
    Soweit ich das verstanden habe, ist der Nachteil der analogen Rechner die Spezialisierung auf 1/wenig Themen. Aber diese erledigen sie mit großer Geschwindigkeit und Genauigkeit. Unsere digitalen Rechner sind eher Allrounder.

    PS: auch die neuartigen Quantenrechner sind, im Grunde, analoge Rechner.

  2. Dekre sagt:

    ich habe noch diverse Rechenschieber und nutze diese auch noch. Das zwar als Hobby, aber immer wieder interessant. Ich habe ganz einfache Rechenschieber und hochgradig komplizierte Rechenschieber mit zwei Seiten. Das Rechnen mit log etc ist ein Traum. Nur so begreift man es. Damals vor über 40 Jahren bin ich immer bei Prüfungen voll aufmunitioniert mit mehreren Rechenschiebern angetreten.

    Die gesamte Welt der Analogrechner mit Sinusberechnung ist mir nicht fremd. Anlaloge Schaltuungen, wer kennt das nicht? Jedenfalls alle die auch vor 40 Jahren einen elektronischen Beruf gelernt haben. Meine alten Bücher habe ich (fast) alle.

    Ich bin vor ca einem Jahren wieder intensiv darauf gestoßen. Leider fehlt die Zeit sich damit zu beschäftigen. jedenfalls habe ich alles was dazu gehört komplett mit dem entsprechenden gedrucken Papier auch log-Papier, A4 und A3 (liegt irgendwo mit Kurvendiskussion).

    Danke für den Artikel.

    Mal gucken, ob es auch ein Skript von der Hochule gibt. Leider machen solche Dinger nur wenige allgemein zugänglich.

  3. 1ST1 sagt:

    Wenn man im Rhein-Main-Gebiet wohnt und mal Analogrechner sehen will, gibt es da zwei Adressen. Zum einen das Technikum 29 in Kelkheim (wohnt dort nicht ein gewisser Günther Born, der einen gewissen IT-Blog betreibt…?), welches neben frühen Digitalrechnern (Motto: "unsere Sammlung hört da auf, wo Computer Diskettenlaufwerke bekommen") als auch bei einem privaten Sammler in Bad-Schwalbach:
    https://technikum29.de/de/rechnertechnik/analogrechner.php
    http://www.analogmuseum.org/deutsch/
    Beide Sammlungen sind sehr sehenswert, kann ich nur empfehlen!

  4. Hummel sagt:

    Als gelernter Reproduktionsfotograf, habe ich bis in die 90er Jahre nur mit der Rechenscheibe gearbeitet.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Rechenscheibe
    Schneller haben wir "ist > soll" nicht erschoben :)

    Gruß

  5. theo sagt:

    All so ein moderner Krempel (aka Teufelszeug) war bei uns damals nicht erlaubt. Wir haben uns in den Prüfungen die SIN/COS Werte noch per Einheitskreis selbst ermitteln müssen.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Einheitskreis

    Hach, die gute, schöne, alte Zeit!!!

    VG
    Theo

    • Günter Born sagt:

      Da waren wir wohl fortschrittlich, denn in der Lehre hatten wir ab 1969 ein Buch, in dem sich in Tabellen Sinus-, Cosinus- und Tangens-Werte ablesen ließen. Gerade im Regal geschaut, da steht noch der "Sieber – Mathematische Tafeln mit Formelsammlung" aus dem Jahr 1973 (10. Klasse), da waren sogar Logarithmentafeln drin.

      Das Schlimme daran: Der Abschluss der Lehre ist 48 Jahre her, das Ende des Studiums 42 Jahre. Seit dieser Zeit habe ich das Zeugs (Mathe, Physik, Regelungstechnik) nie (oder kaum) wieder gebraucht und das gesamte Wissen ist komplett weg. Wie ein Rechenschieber bedient wird, oder wie Differential- und Integralrechnung geht, oder gar wie sich Differentialgleichungen lösen lassen, sind jetzt spanische Dörfer – frustrierend. Und ich war mal richtig gut in dem Zeug.

      Aber offen gesagt: Ich habe (zumindest im Momentent) auch keinen Bock, mir den Bronstein aus dem Regal zu zerren und in meinem Alter nochmals das Wissen aufzufrischen. Selbst für den Wiedereinstieg in Französisch fehlt noch die Lust. So gilt: Dumm geboren, nix dazu gelernt und irgendwann dumm gestorben ;-).

      • Volkie sagt:

        Und vor dem Sterben, die Hälfte vergessen ;)

      • Mance sagt:

        @…in der Lehre hatten wir ab 1969…

        Bei mir liegt noch das "Tabellenbuch Metall" v0n 1963! rum. Da war schon alles drin. Potenzen, Wurzeln, Logarithmen, Winkelfunktionen u. v. m.

        @…sind jetzt spanische Dörfer – frustrierend.

        Dann bist du wohl einer von denen die Formeln immer auswendig gelernt hatten statt sie selber herzuleiten ;-)

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