ReactOS 0.4.11 freigegeben

[English]Noch ein kurzer Nachtrag von dieser Woche. Am 4. März 2019 haben die Entwickler des Projekts die Version ReactOS 0.4.11 freigegeben. Ich habe mir diese Version vor ein paar Tagen gezogen und in einer virtuellen Maschine getestet. Hier einige Informationen und Eindrücke.


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Was ist ReactOS?

Für Blog-Leser/innen, die nichts mit der Bezeichnung anfangen können, einige Informationen. ReactOS ist ein Softwareprojekt zur Entwicklung eines freien Betriebssystems. Das Betriebssystem ist größtenteils unter der GNU GPL lizenziert worden, einige seiner Bestandteile jedoch unter der LGPL oder unter der BSD-Lizenz.

Das Ziel von ReactOS ist es, binärkompatibel zu Windows zu sein, konkret soll die Binärkompatibilität zum Kernel von Windows NT erreicht werden. Dies sollte es ermöglichen, Programme und Gerätetreiber, die für Windows NT und dessen Nachfolger Windows XP, Windows Server 2003 und Windows 7 zu verwenden. Dazu wird unter anderem die Programmierschnittstelle Win32 nachgebildet.

ReactOS wurde aus diesem Grunde von Russland offiziell zur fördernswerten Windows-Alternative erklärt, was bisher allerdings keine Maßnahmen nach sich zog. Das Projekt wurde bereits 1996 als „FreeWin95“ ins Leben gerufen – weitere Details zur Historie lassen sich bei Wikipedia nachlesen.

ReactOS

ReactOS 0.4.11

Ich verfolge am Rande die Entwicklung von ReactOS, da ich auf dessen Kern (weniger die GUI), als Basis einer VM, schiele. Idee ist, ein MinWin-Betriebssystem zu haben, um unter Linux Windows-Anwendungen fahren zu können. So sind mir die Ankündigung auf der ReactOS-News-Seite, sowie die Artikel von Softpedia und The Register die Woche aufgefallen.

Die Ankündigungen klangen gut, angeblich sollte das Projekt einen großen Fortschritt gemacht haben. Die Ankündigung auf der ReactOS-News-Seite erwähnt einige Kernelverbesserungen. So ist es Pierre Schweitzers gelungen, Korrekturen an der Verwaltung der Datenstrukturen des Cache-Controllers zu implementieren. Dadurch wurde mindestens eine Ursache für Blue Screens entfernt. Diese traten beim Versuch auf, die Partition einer Festplatte mit der ODIN-Backup-Software zu sichern.

Auch waren Verbesserungen in den Speicherverwaltung bei Dateisystemen ein Thema. Während der fastfat-Treiber ein hauseigener Dateisystemtreiber der ReactOS-Entwickler ist, hat sich ReactOS bei der Unterstützung von BTRFS immer auf einen Drittanbieter-Treiber verlassen. Diese Abhängigkeit führte jedoch zu Problemen, die bei der Verwendung des Treibers in ReactOS auftraten. So gab es ein Memory-Leak, welches von Entwickler Thomas Faber aufgespürt wurde.


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Bei der neuen Version wurde auch der Loader (LDR) überarbeitet. Dieses Modul ist für das Auffinden und Laden abhängiger DLLs von Anwendungen verantwortlich. Das Team schreibt in der Ankündigung, dass Fortschritte bei der Unterstützung von Manifesten gemacht wurden. Diese dienen dazu, dem Betriebssystem mitzuteilen, das DLLs einer Anwendung zum Ausführen benötigt werden. Durch die Unterstützung von Manifests sollen weitere Anwendungen laufen, auch wenn noch Arbeit in diesem Bereich harrt. Das Team führt Blender 2.57b, Evernote 5.8.3 und sogar die letzte veröffentlichte (und jetzt von Apple nicht mehr unterstützte) Version von QuickTime for Windows, 7.7.9 als funktionierend an.

Inzwischen verspricht ReactOS auch, dass ein Upgrade auf eine neue Funktion funktionieren soll. Zumindest gibt es eine entsprechende Option. Die Kompatibilität mit Windows-Anwendungen wird aber wohl auch durch Anleihen bei Wine bereitgestellt. Zumindest interpretiere ich dies aus folgendem Screenshot, der während der Installation gezeigt wird.

Geht man die Artikel von Softpedia und The Register durch, klingt das alles nach großem Fortschritt und wird schon was. The Register schreibt aber, dass viel Arbeit in Hyper-V investiert werden musste, um die Konfiguration mit Netzwerk etc. zum Laufen zu bringen. Die Stabilität sei zwar besser geworden, aber es hakt noch. Zitat:

The whole OS simply felt considerably more robust than the version we tried last year, much of which is down to improvements in the Win32 subsystem. The effort invested by the team is evident in its stability.

However, our original conclusion still stands. While an undeniably impressive feat of engineering, ReactOS has limited usefulness right now. Open-source fans can get their kicks on Linux. Windows compatibility, although improved, struggles when presented with something like a recent-ish .NET Framework – .NET 4.0 works, .NET 4.7.2, not so much. Newer versions of Office are right out.

In Deutsch: ReactOS ist zwar eine unbestreitbar beeindruckende technische Leistung, hat aber im Moment nur einen begrenzten Nutzen. Open-Source-Fans können unter Linux ihren Spaß haben. Die Windows-Kompatibilität, obwohl verbessert, kämpft nach wie vor mit so etwas wie einem aktuellen .NET Framework. .NET 4.0 funktioniert, .NET 4.7.2 dagegen nicht wirklich. Neuere Versionen von Office lassen sich aber installieren und sind sofort verfügbar.

Ein eigener kurzer Test

Ich habe mir diese Version in einer VM  unter VMware 10.0.7 angesehen. Dort war ReactOS-0.4.9-RC vorinstalliert. Der Versuch, diese VM durch Booten von der ISO aktualisieren zu lassen, scheiterte – ich habe es nicht hinbekommen. Dann habe ich über Tricks den Setup-Assistenten aus einem laufenden ReactOS aufgerufen (irgend eine .exe in einem Unterverzeichnis, Name habe ich vergessen). Es erschien auch das nachfolgend gezeigte Dialogfeld.

ReactOS-Installationsoptionen

Aber die betreffende Option werkelte, ohne dass es zu einem Ergebnis kam. Nach einiger Zeit habe ich das Upgrade abgebrochen, da sich nichts tat. Ein clean Install führte beim ersten Mal zu einer nicht mehr bootenden VM. Irgendwann habe ich geschafft, ReactOS lauffähig in der VM zu bekommen – sogar das Netzwerk (Internet) war vorhanden. Aber es gab einige Probleme:

  • Bei der Installation der VMware-Tools für Windows wurden mir Probleme (fehlende Einsprungpunkte in einer DLL) gemeldet. In Folge liefen die Shutdown-Scripte nicht, so dass die VM nicht in VMware Workstation heruntergefahren werden konnte – das ging nur aus dem Gast-Betriebssystem heraus.
  • Häufig gab es Hänger, so dass ich zwar das Startmenü öffnen und den Befehl zum Herunterfahren anwählen konnte. Das Dialogfeld mit den Shutdown-Optionen erschien, aber es ließ sich keine Option zum Herunterfahren anwählen bzw. blieb wirkungslos. Die VM musste dann in VMware hart abgeschaltet werden.
  • Die Windows XP-Oberfläche kommt einem bekannt vor, aber sofort nach der Anmeldung wollte ReactOS Treiber für unbekannte Geräte installieren. Diese wurden aber nicht gefunden, so dass ich erst einmal drei oder vier Dialogfelder wegklicken musste.
  • Office 2000 ließ sich problemlos installieren (ich habe nur Word und Excel ausgewählt) und die Module funktionierten. Aber mein Versuch, die Microsoft Windows Life Essentials 2012 über den Full-Installer zu testen, scheiterte grandios. Es wird gemeldet, dass dies keine gültige .exe-Datei sei.

Ich habe das Experiment nach kurzer Zeit abgebrochen und bin zur ReactOS-0.4.9-RC zurück. Diese ließ sich wenigstens installieren, wenn auch die oben skizzierten Probleme existieren. Auf einen Test unter Virtualbox habe ich dann verzichtet. Unter dem Strich: ReactOS ist in der Version 0.4.x weit davon entfernt, praktisch einsetzbar zu sein.


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8 Antworten zu ReactOS 0.4.11 freigegeben

  1. Steter Tropfen sagt:

    Schade. Da müsste wirklich viel mehr Dampf dahinter sein, damit wenigstens bis 2023 so etwas wie eine Windows-Alternative zur Verfügung steht!
    Schon dafür, das es die klaren, ergonomischen Dialogfelder von Windows-Klassik nachahmt, ist mir dieses Projekt sympathisch.

    Aber stattdessen verzetteln sich Dutzende Entwickler lieber an zig zerstrittenen Linux-Distributionen und deren inkompatiblen Desktop-Variationen. – Ja, ich bin da jetzt mal ganz gehässig. Weil ich in langfristigen Versuchen bezüglich Linux und der dafür verfügbaren Software zu einem desillusionierten Fazit gekommen bin, das Herrn Borns Abschlußsatz zu ReactOS entspricht.

    • Al CiD sagt:

      “Aber stattdessen verzetteln sich Dutzende Entwickler lieber an zig zerstrittenen Linux-Distributionen…”
      Ich wüsste jetzt nicht was genau ReactOS-Entwicklung mit Linux zu tun haben soll, aber:
      Es steht jedem frei sich entsprechend in die Entwicklung einer Software oder eines Betriebssystems einzufügen um schneller an ein erwartetes Ziel zu kommen… dafür braucht man nicht unbedingt selbst Programmierer sein, alleine schon das austesten und kommentieren der laufenden Versionen hilft schon immens weiter, auch “feedback” genannt.

      Schönen Sonntag

      • Steter Tropfen sagt:

        Feedback an Linuxer macht nun wirklich keinen Spaß. Man braucht nur in die einschlägigen Foren zu schauen. Der arrogante Ton, der Neulingen da oft entgegenschlägt, wenn sie ganz bescheiden eine Frage stellen, ist sprichwörtlich. Da kriegt man schon beim Mitlesen genug.
        Verbesserungsvorschläge werden als Kränkung und Systemzersetzung aufgefasst. Und wehe, es wagt einer Kritik zu äußern oder anzudeuten, dass es bei Windows doch auch ginge – dann kommen Antworten im Sinne von „Dann geh’ doch wieder nach drüben!“
        Dass man auch von der verhasstesten Konkurrenz etwas abschauen kann, geht den verbiesterten Linux-Gurus gegen den Strich. Die wollen nämlich gar keine Windows-Nutzer gewinnen, sondern in einer elitären Minderheit bleiben. Mint ist denen schon zu viel Anbiederung an angebliche DAUs.

        Irgend ein Kenner der Materie hat mal geschrieben, Linux sei ein Sammelpunkt für Misanthropen. Nach längerer Recherche muss ich leider sagen: Da ist was dran.

        Insofern meine Gedankenverbindung zu ReactOS: Auf der Suche nach einer Microsoft-Alternative habe ich Suse, Ubuntu, Mint & Co. inzwischen abgehakt.
        Ein System, das sich ungeniert am klassischen Windows orientiert, wäre weit mehr nach meinem Geschmack.

    • ThBock sagt:

      Die Vielfalt bei Linux ist ein Vorteil, kein Nachteil…

  2. Alexander sagt:

    Ich verfolge die Entwicklung von ROS seit etwa einem Jahr und ich verfolge sie intensiv.
    Ich bin ein großer Fan der Win XP Ära (auch wenn ich privat mittlerweile Xubuntu nutze) und hoffe ständig auf einen Fortschritt von ROS.
    Leider beteiligen sich nur sehr wenige Entwickler an der Entwicklung, es gibt keine 10 Commits pro Tag, wenn ich das richtig sehe. Die Entwicklung schreitet sehr langsam voran.

    Im ROS-Forum wird immer wieder betont, dass die 0.5 die erste akzeptabel läuffähige Version in einer VM wäre. Wann diese 0.5 kommt, ist aber unklar, laut der Moderatoren kann es theoretisch auch eine 0.4.65 im Jahre 2025 geben, wenn ROS noch nicht stabil genug läuft.

    Insofern wird es wohl noch 1-2 Jahre dauern, bis wieder Fortschritte sichtbar sind (bspw. ein funktionierendes Office 2010).

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  4. Stefan Beck sagt:

    Hallo Herr Born,

    Windows Anwendungen unter Linux zu betreiben geht z.B. mit Wine ganz gut.
    Ich habe nach dem Umstieg auf Linux auch ein paar Windowsanwendungen mit Wine in Betrieb.

  5. Georg S. sagt:

    Eine Einschätzung ist auch hier zu finden:
    https://www.wintotal.de/reactos/

  6. Eddy sagt:

    Wie Alexander zuvor schrieb

    > Wann diese 0.5 kommt, ist aber unklar, laut der Moderatoren kann es theoretisch auch eine 0.4.65 im Jahre 2025 geben, wenn ROS noch nicht stabil genug läuft.

    In diesem Zusammenhang stellt sich für mich ernsthaft die Frage, welche/r Entwickler da noch Bock darauf hat, Software für ROS zu entwickeln ? Eine Hand voll enthusiasten.

    Aber die großen wie z.B LibreOffice, Mozilla etc. entwickeln ihre Projekte dahingehend dass sie (aktuell) unter Windows 10 lauffähig sind und somit schon ewig nicht mehr mit win xp kompatibel sind.

    Wer noch ein altes XP am laufen hat, möge mal versuchen einen Aktuellen Firefox ans laufen zu bekommen.

    Was nutzt alternativ ein 15 Jahre alter Mozilla Firefox, welcher noch noch nicht mal HTML5 beherrscht. Von der IT Sicherheit im klassischen Sinn will ich erst gar nicht reden. Ich fürchte das die Techniken in der sich Hard- und Soft -ware sprunghaft weiterentwickeln, dem ROS Projekt schlicht weg davon galoppiert. Leider !

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