Microsoft: eBooks ab Juli 2019 Geschichte …

Microsoft gibt seine eBook-Verkäufe im Microsoft Store auf, was bedeutet, dass das Angebot in Kürze verschwindet. Und die Besitzer gekaufter eBooks? Schauen, wegen DRM, in die Röhre.


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Ich hatte die Information bereits Sonntag Nacht hier gesehen, bin aber noch nicht dazu gekommen, das Ganze aufzubereiten. Wer ein eBook über den Online-Shop von Microsoft gekauft oder kostenfrei heruntergeladen hat, läuft jetzt in ein Problem. Dann das Buch wird sich irgendwann ab Juli 2019 nicht mehr lesen lassen. DRM sei Dank.

Die Ankündigung datiert bereits von April 2019

Bereits im April 2019 hat Microsoft die Kategorie Bücher im Microsoft Store geschlossen. Das lässt sich im Artikel 4497396 vom 2. April 2019 nachlesen. Die Folgen beschreibt Microsoft so:

Starting April 2, 2019, the books category in Microsoft Store will be closing. Unfortunately, this means that starting July 2019 your ebooks will no longer be available to read, but you’ll get a full refund for all book purchases. See below for details.

While you can no longer purchase or acquire additional books from the Microsoft Store, you can continue to read your books until July 2019 when refunds will be processed.

In kurz: Sorry, wir schließen am 2. April 2019 unsere Online-Buchhandlung für eBooks. Leider hat dies für dich als Buchkäufer die unangenehme Folge, dass deine eBooks irgendwann im Juli 2019 nicht mehr lesbar sind.

Hintergrund ist, dass die Microsoft eBooks mit einem Digital Rights Management (DRM) Schutz versehen sind. Mit dem Auslaufen des eBook-Angebots im Microsoft Store schaltet Microsoft auch die Lizenz-Server zur DRM-Überwachung ab. Kann der eBook-Reader die Lizenz nicht mehr überprüfen, lässt sich das eBook auch nicht mehr öffnen und lesen.

Auch geliehene oder gratis eBooks betroffen

Eine FAQ im Artikel 4497396 macht deutlich, dass auch geliehene eBooks (in Deutschland eher nicht gebräuchlich) oder kostenlose eBooks, die Microsoft über den Store verschleudert hat, ab Juli 2019 nicht mehr lesbar sind. Wer vor April 2019 Anmerkungen in den elektronischen Büchern vorgenommen hat, verliert auch diese. Microsoft verspricht Betroffenen eine Gutschrift für den Store von 25 US $.

Da zieht Microsoft also komplett den Stöpsel und zeigt der Welt, was es heißt, auf Medien mit Digital Rights Management (DRM) Schutz zu setzen. Microsoft verspricht zwar eine Entschädigung für Buchkäufer (soll wohl nächste Woche starten). Aber das ist mit Aufwand und Ärger verbunden, ein physisches Buch bleibt dagegen im Bücheregal, bis es verbrennt, zerfällt oder weggeworfen wird. Der Kollateralschaden für eBook-Anbieter (Amazon Kindle zum Beispiel) dürfte mal wieder messbar sein. The Register hat dies in diesem Artikel thematisiert. Einige Informationen in deutscher Sprache lassen sich bei heise nachlesen.

Warum tut Microsoft so etwas?

Warum Microsoft diese Entscheidung getroffen hat, bleibt deren Geheimnis. Dass man eBooks aus dem Store verbannt, kann ich eventuell noch verstehen, wenn die Umsätze nicht dementsprechend sind. Dass man aber auch die DRM-Server abschaltet, wo man doch überall die Azure-Server laufen hat, ist wenig nachvollziehbar.

Aber am 1. Juni 2019 beginnt ein neues Geschäftsjahr, und da wollten wohl einige Leute im Management Sachen glatt ziehen. Dazu gehört dann auch, Dienste und Server abzuschalten, wie z.B. auch den Meta-Service für Alben-Informationen für WMP und WMC.


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Durchschütteln in der Buchbranche

Abschließend noch einige Insights, gespeist aus persönlichen Erfahrungen. Die Diskussion um DRM bei eBooks kenne ich seit vielen Jahren. Eigentlich will ich keine eBooks mit DRM. Aber als Autor musste ich die bittere Erfahrung machen: ‚ Du schreibst da ein 600 bis 800 Seiten-Werk zu Windows x for Business und davon kommt auch ein eBook raus‘. Läuft im Absatz ganz gut, bis plötzlich der Absturz kommt. Dann entdeckst Du plötzlich das eBook auf einer illegalen Platttform, wo irgend eine Dumpfbacke die PDF-Kopie eingestellt hat. Die Kommentare der Downloader sind überschwänglich ‚danke für’s uppen, eines der besten Bücher, die ich je gelesen habe‘. Für mich hieß es: Viel Arbeit für das Manuskript investiert (konnte ich glücklicherweise von einem Titel für Consumer ableiten, da dass da keine 2-3 Monate reingeflossen waren), 800 verkaufte Exemplare, was dann ziemlich genau 800 Euro an Tantiemen für mich ergab. Das führte dazu, dass ich seinerzeit alle Buchprojekte mit den Verlagen, die keine vernünftigen Umsätze mehr schrieben oder als Raubkopien ‚versenkt worden waren‘, eingestellt habe.

Aber es kam noch dicker. Generell haben die Manager in der Buchbranche, speziell in England (Pearson) und in den USA (Microsoft) wenig Skrupel, da ganze Geschäftsbereiche mit einem Federstrich in einer einsamen Entscheidung nieder zu mähen. Ich habe es als Autor erlebt, da ich hautnah bei diversen Buchverlagen aktiv war. In Erinnerung ist mir geblieben, dass nach dem 11. September 2001 mit Microsoft Press USA keine vernünftigen Zusammenarbeit mehr möglich war – das knirschte schon Monate vorher, weil bei Microsoft – auf Grund von Wettbewerbsauflagen – die berühmte ‘Chinese Wall’ zwischen Windows und Office-Entwicklern eingezogen wurde. Die Teams samt Ansprechpartnern wechselten ab da im 2 Wochen-Takt – ständig ging es hüh und hott, bis ich als Autor entnervt die Reißleine gezogen habe.

Verlagssterben von 2013 – 2015

Szenenwechsel: Am Rosenmontag 2013 ereilte mich dann die Botschaft, dass das britische Management von Pearson die deutschen Verlage Markt+Technik und Addison Wesley von platt macht (siehe Aus die Maus für MuT und Addison Wesley …?). Von einem Tag auf den anderen, dabei schrieb der Bereich schwarze Zahlen (und ich hatte gerade ein Buchmanuskript zu Windows 10 fertig).

Man wollte das Restgeschäft mit einem französischen Ableger und einer Rumpfmannschaft in München weiter führen (aber ohne Computerbücher). 80 Mitarbeiter verloren ihren Job, und die Autoren wurden geschasst – natürlich ist das ganze Abenteuer, nach dem, was ich so mitbekommen habe, für Person ziemlich in die Hose gegangen. Nachdem die Umsätze für den Computerbuchbereich fehlten, brach auch der Restumsatz in den anderen Segmenten ein. Gut, hat mit Microsoft nichts zu tun, aber die Kurve von Pearson zu Microsoft (Press) kriege ich noch.

Mich selbst hat es dahingehend getroffen, dass ich plötzlich ohne Verlag da stand (war eine bewusste Entscheidung von mir, auf Risiko zu gehen, und aus wirtschaftlichen Gründen alle Eier in den Korb von Markt+Technik zu legen). Nachdem das schief gegangen war, gab es eine kurze Mail von mir an Microsoft Press, für die ich bis 2003 sehr viel geschrieben hatte. Das Angebot, meine Top-Titel zu Windows, für Senioren und auch im Office-Bereich bei denen zu publizieren. Wenige Tage später waren die Verträge unterschrieben – man kannte sich ja – und ich legte mit meinem Windows 8-Titel los. War nicht so viel zu überarbeiten – außer, dass ich durch diesen Schlenker einen 800 Seiten Schinken zu Windows 8 von Markt+Technik mehrfach überarbeiten durfte, weil wir zwischendurch durch Windows 8.1 überholt wurden.

Lief alles gut – bis ich dann mit dem 2. und 3. Titel beginnen wollte. Plötzlich gab es einen Anruf aus dem Microsoft Press-Lektorat aus München: ‘Fang mal nicht an und behalte es für dich – es sieht so aus, als ob Microsoft seinen Microsoft Press-Verlag dicht machen wird’. Zwei Wochen später war es öffentlich – alle Microsoft Press-Verlagshäuser wurden weltweit dicht gemacht. In München verloren die Mitarbeiter ihre Arbeitsplätze. Hatte ich im Dezember 2013 im Artikel Aus für Microsoft Press …. thematisiert.

Für mich ging das alles scheinbar glimpflich aus, denn Microsoft hatte den Vertrieb und die Herstellung an O’Reilly USA ausgelagert. So übernahm die O’ Reilly GmbH in Köln das Geschäft von Microsoft Press Deutschland. Die Mannschaft kannte ich von MITP (eine Pearson Tochter). Man war sich schnell handelseinig und meine Bücher wurden bei O’ Reilly weiter vertrieben (wenn ich auch Umsatzeinbußen von ca. 50 – 70 % durch das Ende des Markt+Technik-Verlags hinnehmen musste, aber das wollte ich durch neue Bücher etwas auffangen) – ich selbst begann mit den Vorbereitungen, Bücher für O’ Reilly zu schreiben. War auch kein guter Lauf, denn im Sommer 2015 kam das Ende des O’Reilly-Verlags in Köln (siehe mein Beitrag Aus für O’Reilly Deutschland).

Hintergrund waren nicht wirtschaftliche Zahlen, sondern, nach meinen Informationen, Knatsch zwischen dem Management von Microsoft und O’Reilly. Microsoft kündigte die Verträge mit O’Reilly Inc. USA. In Folge durften nur noch der Buchbestand von MS Press von O’Reilly vertrieben werden. O’Reilly USA schloss in dieser Folge das deutsche Büro und der Vertrieb der Microsoft Press-Titel fiel an dPunkt in Heidelberg. Von dort erhalte ich immer noch Abrechnungen zu den Alttiteln. Inzwischen habe ich meinen einzigen Buchtitel zu Android und für die Zielgruppe der Senioren aber auf dPunkt übertragen.

Die Bücher, die ich aus nostalgischen Grünen noch bei Markt+Technik (neuer Verlag) und dPunkt weiter führe, werfen nur noch ein minimales Zubrot an Tantiemen ab. Inzwischen bin ich heilfroh, dass ich seit 2015 von meinen Blogs leben kann. Ist also die x-te Häutung von mir als Autor, bei der ich mich in den letzten 26 Jahren als Freiberufler mehrfach neu erfunden habe. Es hat geklappt, andernfalls hätte ich persönlich die Rente beantragt (wäre nach meinem Sportunfall in 3. 2015 mit Abschlägen gegangen). So kann ich halt weiterhin meinen Neigungen und Interessen nachgehen und mit meiner Schreibe die Leute ärgern oder beglücken – je nach Gusto.

Und das Ende der Geschicht …

Abschließend noch der Treppenwitz der Geschichte: Die Tinte unter den obigen Beiträgen war noch nicht trocken, als mich die Meldung erreichte, dass es ein neues Dream-Team für Microsoft Press-Bücher gäbe. Ich hatte es im Artikel Microsoft wählt Pearson Publishing als MS Press-Distributor thematisiert. Die Loser von gestern wollten die Welt von morgen rocken. Ist nach meiner Beobachtung schief gegangen und nun scheint Microsoft die Axt an ein weiteres missglücktes Projekt, den eBook-Bereich im Store angelegt zu haben. Jetzt nun erkläre mir einer, dass Microsoft so Zeugs wie Windows niemals einstellen wird …

Artikel zum Thema
Aus die Maus für MuT und Addison Wesley …?
Markt+Technik-Verlag vor dem Neustart?
Aus für Microsoft Press ….
Aus für O’Reilly Deutschland
Microsoft Press und Pearson, das neue “dream” Team?
Microsoft wählt Pearson Publishing als MS Press-Distributor


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6 Antworten zu Microsoft: eBooks ab Juli 2019 Geschichte …

  1. Paul Brusewitz sagt:

    Hallo,

    Wow! Danke, dass Du so einen weiten Bogen geschlagen und hier veröffentlicht hast. Ist für viele Leute bestimmt interessant, die Bücher aus den genannten Verlagen schätzen gelernt haben und auf einmal war der Verlag weg. Als Autor möchte man so etwas natürlich nicht durchmachen. Also: Respekt für Dein Durchhaltevermögen und Deine aktuellen Bücher.

    Freundliche Grüße
    P.B.

  2. 1ST1 sagt:

    Erschreckend natürlich auch dass da so ein dickes Buch rauskommt und dann nur 800 Exemplare verkauft werden und der Autor nur 800 Euro von der vielen Arbeit zu sehen bekommt. Und das bei üblicherweise 50-60 Euro pro Titel im Verkauf.

    Dieser DRM-Buch-Mist zeigt wieder, dass es generell quatsch ist, auf Online – und DRM-geschützte Inhalte – zu verzichten. Statt Spotify gelegentlich eine CD kaufen und selbst MP3 draus machen, da hat man mehr davon.

    Bei der Konservierung von eBooks hilft übrigens Autoit und Greenshot (und wer mag OCR hinterher). Mehr verrate ich aber nicht…

    • Günter Born sagt:

      Die Titel wurden deutlich günstiger angeboten – die High End-Titel (vom Preis) habe ich erst gar nicht angefasst – da waren die Verkaufszahlen noch magerer. Ein Autor bekommt üblicherweise 8 – 10 % vom Netto-Verkaufspreis (Endpreis – MwSt – Buchhandelsrabatt). Dann liegt man irgendwo bei 50% des Endpreises, wovon es dann die x% Tantiemen gibt. Bei 20.000 verkauften Exemplaren meist noch rechenbar – aber nicht bei 2.500er Auflagen.

  3. Sven Fischer sagt:

    Danke für den Artikel. Ich persönlich kaufe mir nur Bücher als „Papierausgabe“. Mit ebooks kann ich da wenig anfangen. Mag ich einfach nicht.
    Bei einigen Verlagen (Bsp. Rheinwerk) kann man ja bei einigen Büchern, ein Bundle erwerben (Buch in Papier + ebook). Wo man für einen geringen Aufpreis das ebook dazu bekommt. Oder im gedruckten Buch ist ein Code für die ebook Ausgabe, wo man es dann für 5 € bestellen kann. Finde ich ganz ok.
    Wenn es endlich mal endlich einen Reader mit Farbdisplay geben könnte.

  4. Ulf sagt:

    Vielen Dank für die interessanten Einblicke in die Buchbranche und dass Du auch weiterhin immer wieder auf den Füßen landest…

    Gruß Ulf

  5. Roland Moser sagt:

    Die US-Wirtschaft tickt so. Deshalb sollte man nicht mit US-Firmen zusammen arbeiten, wenn es irgendwie geht.

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