Dortmund goes Open Source

[English]Die deutsche Stadt Dortmund geht in Richtung Open Source. Am 25. März 2021 hat sich der Rat der Stadt dafür entschieden, in Zukunft in der Verwaltung Open Source Software einzusetzen. Zusätzlich soll von der Verwaltung entwickelte oder zur Entwicklung beauftragte Software der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt werden. Eine spannende Geschichte, steht doch an vielen Stellen die Forderung im Raum, die Verwaltung weg von der Abhängigkeit von proprietärer Software a la Microsoft 365, hin zu Open Source zu führen.


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Hier im Blog habe ich mich ja mehrfach am Thema „Entkoppelung der Verwaltung von proprietärer Software a la Microsoft 365, hin zu Open Source, abgearbeitet. Es kam dann immer die Antwort „man müsste einfach mal was tun“. Die Stadt Dortmund macht jetzt genau diesen Schritt.

Entschluss pro Open Source Software

Am 25. März 2021 gab es die Entscheidung des Rats der Stadt, in Zukunft in der Verwaltung Open Source Software einzusetzen. Zusätzlich soll von der Verwaltung entwickelte oder zur Entwicklung beauftragte Software der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt werden. Die zentralen Beschlüsse des Rats lauten:

  • Wo möglich Nutzung von Open Source Software und
  • Von der Verwaltung entwickelte oder zur Entwicklung beauftragte Software wird der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt.

Damit ändert sich die Vergabepraxis der Stadt Dortmund. Die Verwaltung muss zukünftig für jeden proprietären Softwareeinsatz begründen, warum keine Open Source Software eingesetzt werden kann.

Initiative Do-FOSS schiebt die Sache an

Die breite Zustimmung zu diesem Entschluss für Open Source Software und damit zur digitalen Souveränität der Stadt und ihrer Bürger ist dem Einsatz der Intitative Do-FOSS zu verdanken, freut sich die Open Source Business Alliance. Der Geschäftsführer von Do-FOSS, Christian Nähle, meint in diesem Interview zu diesem Beschluss:

Do-FOSS haben wir 2013 als Initiative entwickelt. Uns treibt seit jeher der Wunsch nach einer demokratienahen und rechtsstaatskonformen Digitalisierung an. Dazu bedarf Digitalisierung den Grundbaustein Open Source. Do-FOSS steht für Free and Open Source Software“. Das ”Do” bezieht sich dabei auf Dortmund. Unsere zivilgesellschaftliche Initiative besteht aus rund zehn Personen, die sich für die Verbreitung und den Einsatz von Freier Software einsetzen. Wir sind mit verschiedenen Organisationen partnerschaftlich verbunden, beispielsweise mit der Free Soft ware Foundation Europe (FSFE) und der OSB Alliance.

Um den Einsatz von Freier Software in der öffentlichen Verwaltung zu fördern, setzt Do-FOSS auf eine Vielzahl unterschiedlicher Wege zur Thematisierung und Umsetzung von Freier Software. Unter anderem arbeitet Do-FOOS zusammen mit der Stadt Dortmund daran, den Einsatz von Freier Software über die städtische Digitalisierungsstrategie zu fördern.

In den jungen Tagen von Do-FOSS hatten die Mitglieder zunächst die Vorstellung, dem Oberbürgermeister einen Brief schreiben, in dem die Mitglieder die Erkenntnisse bzgl. der gewinnbringenden Eigenschaft en von Freier Software beschreiben und den Bürgermeister argumentativ überzeugen. Allerdings wurde den Mitglieder schnell klar, dass der Oberbürgermeister lediglich der Gesamtverantwortliche einer sehr großen Behörde ist und er sich für seine Entscheidungen auf andere verlassen muss.

Deshalb haben die Mitglieder von Do-FOSS klein angefangen. Sie haben Kontakt zu dem behördlichen Datenschutzbeauftragten, ebenso wie zur Personalvertretung gesucht. Sie haben sich Einschätzungen des städtischen IT-Hauses geholt und sich bei anderen Verwaltungen umgehört. Also vor allem informieren und dicke Bretter bohren. Dann wurden diese Einschätzungen mit den Fachkenntnissen der Do-FOSS-Mitglieder abgeglichen und bestehende Widersprüche in der Dortmunder Verwaltung aufgezeigt.

Mit Briefen haben sich die Organisatoren dann dann an politische Ausschüsse gewandt und auf demokratische Weise um einen Dialog gebeten. Diese Wege zu beschreiten, hat zwar keine schnellen Erfolgserlebnisse beschert. Der Kontakt zu verschiedenen Akteuren der Stadtgesellschaft braucht, laut Nähle, Zeit und Raum für Diskussionen. Bei der Kommunalwahl letzten September waren dann endgültig alle OB-Kandidat*innen pro Open Source.


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Christi an Nähle meint dazu, dass die größte Herausforderung sicherlich darin liegt, voneinander zu lernen. Die Rahmenbedingungen in der agilen Softwarewelt seien ganz andere als die in der statischen Verwaltungswelt. Es sei wichtig, die Rahmenbedingungen beider Welten zu verstehen und den ehrlichen Wunsch zu haben, auch eher dröge Thematiken wie das Vergaberecht zu verstehen. In den Verwaltungen seien noch unzureichend Instrumente implementiert, um mit Open-Source-Produkten umzugehen.

Woher weiß der Sachbearbeiter im Vergabeamt, welche Lizenzen als Freie-Software-Lizenzen qualifizieren? Welches Forum haben die Protagonisten im öffentlichen Dienst, um interkommunal an Softwareprojekten mitzuarbeiten? Dazu braucht es laut Nähle eine neue Infrastruktur. Deshalb unterstützt die Stadt Dortmund u.a. auf Initiative der OSB Alliance den Aufbau eines Freien-Software-Repositorys für den öffentlichen Dienst. Für die Do-FOSS sei es immer wichtig gewesen, sich weiterzuentwickeln, aber auch nicht zu vergessen, immer wieder von Neuem Menschen dort abzuholen, wo sie stehen.

Christian Nähle dazu: Die Stadt Dortmund hat politisch Freie Software als Standard für ihre Verwaltung beschlossen. Der Beschluss legt das Primat von Open Source Software fest und kehrt somit die Beweislast für den Einsatz von proprietärer Software um. Will die Verwaltung künftig eine proprietäre Software verwenden, muss sie begründen, warum keine Open Source Software eingesetzt werden kann. Das bedeutet zunächst eine Zeitenwende für die Art und Weise, wie der Einsatz von Software durch die Stadtverwaltung diskutiert und dargestellt werden muss.

Damit haben z.B. Fachverfahren einen Startvorteil, wenn sie als Open Source angeboten werden. Die Leute von Do-FOSS müssen allerdings noch beantworten, wie sie bestehende Herstellereinschlüsse aufbrechen wollen. Dazu erarbeiten die Initiatoren von Do-FOSS derzeit gemeinsam mit der Stadt Dortmund Elemente für eine Digitalisierungsstratgie. Außerdem planen die Leute eine kommunale Open Government Konferenz in Dortmund, die sich schwerpunktmäßig mit Freier Software für den öffentlichen Dienst befassen soll. Eine genaue Planung ist aber abhängig von der Coronaentwicklung. Fest steht, dass die Initiatoren in Dortmund mit ihrem Bedürfnis nach Digitaler Souveränität nicht alleine sind. Deshalb verbinden sich die Initiatoren
mit verschiedensten Stellen. Zurzeit arbeiten die Do-FOSS-Leute intensiv mit der Kommunalen Gemeinschaftsstelle (KGSt) und dem Deutschen Städtetag an einem Sonderbericht für Kommunen zu Digitaler Souveränität.

Nachdem Dortmund politisch nun das Primat für Software beansprucht, wird es um die Praxis gehen. Do-FOSS wird mit der Stadt den Einstieg in den Ausstieg aus dem proprietären Zeitalter beschreiben und vollziehen. Dazu sind nun weitere Fragen zu beantworten. Wie können wir den Freiheitsgrad in unserer immateriellen Infrastruktur erhöhen? Wie können wir strategisch mit Herstellereinschlüssen umgehen? Die Beantwortung dieser Fragen wird unter einem enormen Zeitdruck vollzogen werden müssen.

Die Welt wird unruhiger werden. Dazu brauchen wir, so Do-FOSS Geschäftsführer Nähle, sehr bald Infrastruktur, die belastbarer und sozial-ökologisch freundlicher aufgestellt ist, als bisher. Allein schon deshalb heißt die Zukunft nicht proprietär, sondern Open Source. Dazu sagt Nähle: Die Open-Source-Zukunft  werden wir in Dortmund gestalten und reichen allen eine Hand, die ebenfalls eine Zukunft  mit Open Source wollen – dazu zählen auch die Wissenschaft  und die Wirtschaft. Im Bereich Smart-City vermeiden wir bereits die alten proprietären Fehler und setzen auf eine Freie-Smart-City.

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3 Antworten zu Dortmund goes Open Source

  1. Michael sagt:

    Der größte Unfug sind doch die ganzen Alleingänge, die nicht nur auf Bundesland Ebene sondern sogar auf Städte bezogen passieren (bestes Beispiel auch die Corona Pandemie und deren eigenwilligen Bestimmungen, wo sich dann keiner mehr auskennt). Das potential wäre gigantisch hätte man eine landesweite IT mit gleichen Verfahren, Prozessen, Software, etc. das Einsparpotential enorm, der Druck auf Hersteller Software OpenSource und Plattformunabhängig anzubieten viel größer…man könnte damit so viel bewegen. Stattdessen möchten alle immer das Rad neu erfinden.

    • Zocker sagt:

      Ja, ich stimme zu, das müsste auf Bundesebene stattfinden. Aber einer muss den Anfang machen und wenn das nicht der Bund ist, dann kann das zur Not auch eine Stadt sein. Was soll eine wechselwillige Stadt machen, wenn sie vom Bund keine Unterstützung erhält? Besser als so weitermachen wie bisher. Man darf in diesem konkreten Beispiel nicht vergessen, dass die entwickelte Software der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt wird, was auch andere zum Umschwenken und auch zur Beteiligung veranlassen könnte.

    • Dietmar sagt:

      Wie gerade bei einem weiteren Artikel kommentiert, bin ich ganz bei dir. Ich ginge sogar noch einen Schritt weiter, nämlich Richtung EU. Ich denke nämlich nicht, dass ein gemeiner Office-PC in Italien oder Österreich recht viel anderes können muss als ein deutscher. Von den Fachanwendungen jetzt natürlich abgesehen. Da das aber leider viel mit Vorlieben einzelner (Politiker*innen) zu tun hat, wird es sowas wohl nie geben.

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