Barcelona goes Linux; München will von LiMux zurück zu Windows …

Die Hauptstadt von Katalonien, Barcelona, hat die Entscheidung getroffen, weg von Microsofts proprietärer Software Windows und Office zu gehen und Linux sowie LibreOffice einzuführen.


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Zum Wochenende habe ich noch was – ein bisschen Mottenkiste, was München betrifft, und ‘hey, da tut sich was’, wenn es um Barcelona geht. Nein, es geht nicht um die Unabhängigkeit Kataloniens. Und Bayern hat auch keinen Antrag auf Austritt aus der EU gestellt. Es geht, wie im Anrisstext erwähnt, um die Entscheidung, welche IT-Systeme künftig in der Verwaltung eingesetzt werden sollen.

Schildbürger in München?

Es gab da mal eine kleine Stadt im Südosten Deutschlands, die vor vielen Jahren eine weitreichende Entscheidung pro Open Source, hin zu Linux und OpenOffice getroffen hatte. Das Ganze war seit vielen Jahren eingeführt, LiMux hieß die Lösung.

Dann kam die Entscheidung im Jahr 2017, weg von dieser Lösung, hin zu Windows 10 und Microsoft Office zu wechseln. Mutmaßlich getroffen, als politische Entscheidung, unter Berufung auf Untersuchungen der Unternehmensberatung Accenture, die eine solche Entscheidung in der Tragweite meines Erachtens so nicht hergeben. Im Moment ist von mindestens 100 Millionen Umstellungskosten die Rede. Ich muss zum Thema hier keine weiteren Details mehr schreiben. Sucht ggf. hier im Blog oder im Internet nach LiMux – heise.de, Golem etc. haben das Thema ausgiebig beleuchtet.

Barcelona geht auf Open Source-Software

Kommen wir nun zum Kern: Die spanische Zeitschrift El Pais berichtete es wohl zuerst im Artikel El Ayuntamiento de Barcelona rompe con el ‘software’ de Microsoft (Barcelona City Stadtverwaltung bricht mit Microsofts Software ab). Dann hat FOSS das Thema am 12. Januar 2018 im englischsprachigen Beitrag City of Barcelona Kicks Out Microsoft in Favor of Linux and Open Source verarbeitet (ich bin hier drauf gestoßen).

In Kürze und ohne Schnörkel: Die Stadtverwaltung von Barcelona hat gerade eine  Roadmap für die Migration ihrer bestehenden Verwaltungssysteme von Microsoft und proprietärer Software auf Linux und Open Source Software verabschiedet. Dabei haben die Verantwortlichen einen, in meinen Augen cleveren, Migrationspfad gewählt.

  • Die Stadt plant, zunächst alle Benutzeranwendungen durch alternative Open-Source-Anwendungen zu ersetzen.
  • Dies wird so lange weitergehen, bis die einzige verbliebene proprietäre Software Windows sein wird. Dann wird Windows schließlich durch eine Linux-Distribution ersetzt.

Also eine sanfte Migration, wo die Nutzer der Clients erst einmal die gewohnte Windows-Oberfläche behalten, aber ihre Anwendungen schrittweise umgestellt werden. Evolution, statt Revolution.

Der Plan: Open Source bis Frühjahr 2019

Die Stadt plant, 70% ihres Software-Budgets im kommenden Jahr in Open Source Software zu investieren. Die Übergangsphase, so Francesca Bria (Kommissarin für Technologie und digitale Innovation im Stadtrat), wird abgeschlossen sein, bevor das Mandat der derzeitigen Verwaltungsbeamten im Frühjahr 2019 ausläuft.

Migration soll lokale IT-Talente unterstützen

Und noch was, bei dem mir die Kinnlade vor Staunen herunter gefallen ist: Die Stadt Barcelona will IT-Projekte an lokale kleine und mittlere Unternehmen auslagern. Ziel ist es, die lokalen IT-Firmen zu unterstützen. Barcelona wird auch 65 neue Entwickler einstellen, um Softwareprogramme (Fachanwendungen) für ihre spezifischen Bedürfnisse zu entwickeln. Da scheint mir schon eine sinnvolle Strategie hinter zu stehen – speziell, wenn man den spanischen Arbeitsmarkt sieht.


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Eines der geplanten Großprojekte ist die Entwicklung eines digitalen Marktes. Eine Online-Plattform, über die kleine Unternehmen an öffentlichen Ausschreibungen teilnehmen können.

Ubuntu ist erste Wahl für die Linux-Distribution

Die zu verwendende Linux-Distribution kann Ubuntu sein, da die Stadt bereits ein Pilotprojekt mit 1.000 Ubuntu-basierten Desktops betreibt. Dabei sollen auch der Outlook Mail-Client und die Exchange Server durch Open-Xchange ersetzt werden, während Firefox und LibreOffice den Internet Explorer und Microsoft Office ablösen sollen.

Europäische Kampagne “Public Money, Public Code”

Damit ist Barcelona die erste Kommune, die sich an der europäischen Kampagne “Public Money, Public Code” beteiligt. Dies ist eine Initiative der Free Software Foundation of Europe. Die Kampagne geht auf einen offenen Brief zurück, der sich dafür einsetzt, dass öffentlich finanzierte Software frei sein sollte.

Nur mal so: Kriegt den Hintern hoch!

Bisher wurde der Aufruf von fast 16.000 Unterstützern unterzeichnet. Wenn ihr euch beteiligt und die Kampagne unterzeichnet, bekommen wir am heutigen Sonntag diese Zahl noch voll.

Geld ist immer ein Faktor

Francesca Bria, comisionada de Innovación Digital en el Ayuntamiento, sagte: “Die Umstellung von Windows auf Open Source Software fördert die Wiederverwendung in dem Sinne, dass die entwickelten Programme in anderen Gemeinden in Spanien oder anderswo auf der Welt eingesetzt werden könnten.” Die Migration zielt auch darauf ab, große Geldbeträge für proprietäre Software zu vermeiden.

Meine 2 Cents

Die Open Source-Anhänger werden frohlocken, Microsoft-Fans werden aufjaulen. Und dann kommen die Bedenkenträger: In München ist LiMux gescheitert, die werden sehen, was sie davon haben. Das klappt nimmer.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Das Projekt wird eine Herausforderung für die Beteiligten. Und man könnte natürlich argumentieren: Warum neues schaffen, wenn es was bestehendes gibt. Ich höre auch von Administratoren in Unternehmen, dass Windows 10 in Verbindung mit Windows Server durchaus seine Vorteile habe (ich vernehme aber auch das gequälte Stöhnen der geplagten Admins, wenn mal wieder Updates oder Featureupdates ausgerollt werden). Und im Bereich Azure sowie Software-Entwicklungstools scheint Microsoft auch gut aufgestellte Lösungen zu haben.

Aber, ich empfehle sich zurückzulehnen, und mal rechts und links der Technik zu schauen. Eine Initiative, die das Ziel verfolgt, lokal erarbeitete Steuereinnahmen zurück in die lokale Wirtschaft zu leiten, kann nicht verkehrt sein. Das Ziel, unabhängig von einem Anbieter zu werden, ist auf jeden Fall zu begrüßen. Ich verweise auf meinen (Sonntags-)Blog-Beitrag Zwischenruf: EU-Verwaltungen von Microsoft zu abhängig, der das Dilemma unserer Verwaltungen aufzeigt.

Da sieht München bzw. dessen politische Entscheidungsträgerschaft erst einmal alt aus. Hier werden mindestens einmal 100 Millionen Euro sinnfrei an ein US-Unternehmen (und große IT-Firmen) geleitet, während man andernorts genau den umgekehrten Weg anstrebt.

Beim Schreiben des Beitrags schoss mir ‘wie der Herr, so’s Gescherr’ und das Thema ‘bürgerlich-konservative Wende’ von CSU-Mann und Landesgruppen-Chef Alexander Dobrindt durch den Kopf. Wurde ja von Frau Marietta Slomka in einem ZDF-Interview wunderbar entzaubert (siehe hier und hier) – mir fiel die Kinnlade herunter, als ich den Stuss von Dobrindt im Interview sah – und mir durch den Kopf ging, was der Typ in seinen vergangenen Jahren als Minister in Sachen digitale Infrastruktur geleitet hat. Aber ich gebe es zu, das ist jetzt unfaire Dialektik.

Und es gibt noch einen Aspekt, der mir seit einiger Zeit verstärkt im Hinterkopf herum geht. Unternehmen und Verwaltungen tun gut daran, längerfristige Entscheidungen strategisch anzulegen. Also: Abhängigkeiten vermeiden oder reduzieren, Kosten im Griff behalten und minimieren. Viel zu lange sind die dem Zug der Lemminge gefolgt. Ja, ich gebe es zu, es war bequem. Als IT-Urgestein kenne ich noch die Zeit, als in den USA erste Bausätze für Micro-Computersysteme (Tandy TRS-80 von Radio Shack, ein anderer Bausatz von zwei Typen mit Namen wie Jobbs und Wozniak etc.) angeboten wurden. Auch die Zeit, als Microsoft aus nicht mal 100 Mitarbeitern bestand, und ich fotokopierte Dokumentation zu DOS 1.x auf den Tisch bekam, ist mir noch geläufig. Es war spannend, es ging voran, viele Jahre. Ich habe begeistert deren Produkte als Autor beschrieben und als Ingenieur bei Kunden eingesetzt.

Aber ich kann nicht verhehlen, dass es seit geraumer Zeit – zumindest in meinen Augen – wieder abwärts geht. Die erste Zäsur kam 2000, als die berühmte Chinese Wall zwischen den Windows- und Office-Entwicklern als Folge von Antitrust-Urteilen in Redmond eingezogen wurde. Damals hat man die Team durcheinander gewürfelt. Ich hatte vorher für Microsoft Press USA geschrieben. Da hattest Du einen Ansprechpartner, bei dem Du dich auf spoken agreements verlassen konntest. Ich hatte es mal am Rande erwähnt, war die Zeit, als im Windows 98 Ressource Kit das komplette Kapitel zur Registry aus meiner Feder stammte. Ab 2000 war kein vernünftiges Arbeiten mit Microsoft Press USA mehr möglich. Alle 6 Wochen gab es einen neuen ‘Häuptling’, der gegenteilige Strategien verfolgte. Als ich ein Buchprojekt von 1.000 Seiten Umfang drei Mal umschreiben und in zwei Bände aufteilen musste, wobei ein Band plötzlich gekippt wurde, habe ich die Zusammenarbeit beendet.

Ab 9/11 2001 ging dann eh nichts mehr mit US-Firmen. Windows Vista war die Spitze eines Eisbergs, den die Öffentlichkeit wahr nahm. Mit Windows 7 hat man zwar noch einmal ein solides Arbeitspferd vorgelegt. Aber danach kam die Zeit ab Windows 8, Office 2007 und so weiter. Schaue ich nach, ist das der Zeitpunkt, ab dem hier im Blog verstärkt Rants auf neue Microsoft-Entwicklungen auftauchten. Auf die Wiedergabe der Insider-Erfahrungen als Communitymoderator über die letzten fünf Jahre verzichte ich mal. Ich verweise auf meinen Beitrag Microsoft, die Communities und der Griff ins Klo… aus dem Jahr 2011. Damals dachte ich: ‘Kann nicht mehr schlimmer kommen’ – und den Beitrag habe ich sogar (auf Bitte eines Betroffenen) abgeschwächt. Heute fällt mir der Spruch ‘Lächeln, denn es könnte schlimmer kommen, und ich lächelte, und es kam schlimmer’, den ich vor 25 Jahren, bei meinem letzten Arbeitgeber, auf dem Schreibtisch liegen hatte, ein.

Aktuell erleben wird ja ‘America first’ und eine ‘am amerikanischen Wesen, soll die Welt genesen’ Welle, die von den Apples, Facebooks, Googles, Microsofts und wie sie alle heißen, in die Welt getragen wird. Alles, einschließlich der damit einhergehenden (gesellschaftlichen) Verwerfungen. Als ich vorgestern den Beitrag Microsofts Lokalisierungs-Katastrophe: Es wird Zeit für eine Kunden-Revolte von Kollege Martin Geuß bei Dr. Windows las, klappte mir die Kinnlade herunter – und der Gedanke ‘Auch Du Brutus, mein Sohn’ schoss durch den Kopf. Aber der Kern beginnt sich festzusetzen: Da läuft etwas kräftig schief, im Microsoft-Universum, was an den Grenzen der USA endet.

Sind jetzt ein paar etwas längere 2 Cents geworden. Daher die Kernthese: Aus strategischen Gründen ist es ziemlich doof, was die politischen Entscheidungsträger in München beschlossen haben, und Barcelonas Stadtverwaltung bzw. die Verantwortlichen scheinen mir mehr Weitblick zu haben. Oder kurz und knackig: Barcelona hui, München pfui – oder wie seht ihr das so? Was habe ich übersehen, nicht bedacht, falsch interpretiert.


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14 Kommentare zu Barcelona goes Linux; München will von LiMux zurück zu Windows …

  1. Nils sagt:

    Kernproblem in München war sicher auch, dass man nicht komplett von Microsoft weggekommen ist, weil es zu viele Abhängigkeiten hab. Bei irgendwelchen Anwendungen und Lösungen war man eben nach wie vor auf Microsoft angewiesen.

    Diese Mischumgebung war sicher ein großes Problem und man musste zwei Welten parallel pflegen. Doppelter Aufwand ist sicher nicht ideal. Zudem gab es eben auch ein Akzeptanz Problem bei den Anwendern.

    Um jetzt zu Barcelona zu kommen….. das Projekt wird dort nur Erfolg haben, wenn A) die Akzeptanz bei den Anwendern da ist und B) nahezu komplett auf Microsoft verzichtet werden kann.

    • Uwe sagt:

      Die Variante alles oder nichts halte ich für unklug. Selbstverständlich darf Microsoft mit guten Produkten am Markt bleiben und auch sein. Konkurrenz belebt das Geschäft und gute (preiswerte) Produkte verdrängen teure funktionsüberladene komplexe Lösungen, die sich am Markt vorbei entwickeln. Warum kein Dualboot mit Android x86, Linux Mint, Fedora oder OpenSuse… muss keiner nutzen, wenn er meint es taugt nicht. Wird aber zunehmend mehr genutzt…

      Warum nicht wie in Barcelona erst mal Firefox und LibreOffice, damit die arbeitenden Menschen in der Stadt lernen, das Microsoft auch nur mit Wasser kocht. Das ist kein Mehraufwand, das ist Rationalisierung! Schnell werden sich ganze Gruppen organisieren, die mehr von der freien und guten Kost wollen.

      • Nils sagt:

        Wenn du nicht komplett wechselst hast du immer doppelten Aufwand. z.B. wenn man wegen irgendwelcher SAP Komponenten auf einzelnen Rechnern weiter MS Office laufen lassen muss bzw. speziell Excel wegen SAP BW. Dann musst du auch das Patchmanagement weiter für beide Welten betreiben. Für MS Office und für LibreOffice. Den Support (Helpdesk, usw.) musst du dann auch für beide Welten betreiben.

        Und so ist dass dann auch später, wenn Windows und ein Linux Betriebssystem parallel betrieben werden sollte. Auch da doppeltes Patchmanagement, Support, usw. Dann brauchst du einen KMS Server…. und noch diverse andere Komponenten, das summiert sich.

        • Uwe sagt:

          Deine Aussage ist mir zu pauschal und undifferenziert. Nur weil es in einem großen Unternehmen sehr wenige Excel-Power-User mit VBA-Erfahrung, SAP-BW-Anbindung z.B. im Controlling gibt (sogenannte Spezialanwender), müssen alle Abteilungen teure Excel-Lizenzen kaufen?

          Wer als Normalanwender in z.B. Excel geschult ist, läuft mit Libre-Office ohne weitere Schulung und teure Lizenzkosten freiwillig ohne Probleme weiter. Die meisten schreiben sowieso nur Texte und benutzen selbst Excel als „Schreibmaschine“

          Poweruser (ich bin einer) können fast alles auf allen Plattformen und sind froh, wenn Sie bisherige Abhängigkeiten kostengünstig auflösen können. Das schmeckt Microsoft und der treuen Fan-Basis nicht klar, aber so ist es heute. Scheibe für Scheibe wird rausgeschnitten und aus der Dualität wächst Vertrauen und Zuversicht, auch die letzten vielleicht noch liebgewonnenen alten MS-Zöpfe abzuschneiden.

          Patchorgien veranstaltet eigentlich nur Microsoft noch, der Rest ist viel einfacher zu managen, da Linux zu 100% in der Serverwelt angekommen ist und nicht jeden Monat die Welt neu erfinden will. Hier laufen Systeme viel länger stabil und gut getestet.

          Der Office-Helpdesk funktioniert ohne Ausbildung aus dem Stand für beide Welten. Der einzige, der das zu verhindern versucht ist Microssoft. Verständlicherweise, denn Ihre Windows/Office-Geschäft hängt am halbseidenen Faden der User-Erkenntnis, das es in den meisten Anwendungsfällen deutlich einfacher und kostengünstiger geht.

          • Nils sagt:

            Kein Mensch hat geschrieben, dass man wegen ein paar SAP-BW Anwender kein LibreOffice oder ähnliches einsetzen kann. Ich wollte mit diesem Beispiel nur verdeutlichen, dass nicht alles so einfach ist wie von manchen dargestellt.

            Einfach so von heute auf morgen komplett von MS Office auf LibreOffice umsteigen ist eben einfach in vielen Umgebungen nicht möglich.

            Genauso wenig darf man die PowerUser als Maßstab nehmen, weil mit denen gibt es am wenigsten Probleme.

  2. ThBock sagt:

    Na ja, es gibt ja so einige Kommunen & Behörden die auf Open Source setzen:

    https://de.wikipedia.org/wiki/Open-Source-Software_in_%C3%B6ffentlichen_Einrichtungen

    Nur in München sind sie wohl zu deppert…

  3. Jochem sagt:

    Moin,
    worum geht es eigentlich praktisch, und nicht hypothetisch, wie hier einige diskutieren: zwei Stadtverwaltungen wollen den Umstige vom MS weg zu Open Source (E) bzw. von Open Source zurücl zu MS (D). Ich kenne die Abhängigkeiten im Öffentlichen Dienst in E nicht, aber die in D.
    Eine Kommune ist für diverse hoheitliche Aufgaben zuständig, die ihr von übergeordneter Stelle (Land, Bund) übertragen werden. Und diese übergeordneten Stellen entscheiden, mit welcher Software dies zu bewerkstelligen ist, damit ein Datenaustausch zwischen allen Beteiligten reibungslos funktionieren soll. Um diese zu unterstützen, da nicht alle Kommunen einen eigenen EDV-Betrieb aufstellen und betreiben können, sind regionale Rechenzentren eingerichtet worden, welche die Datenverarbeitung für angeschlossenen Kommunen betreiben.
    Nehmen wir mal drei Beispile, mit denen Jeder als Bürger mehr oder weniger oft zu tun hat.
    1) Einwohnermeldewesen
    In der Bundesrepublik wird vom Marktführer das Programm “Meso” vertrieben, ein Programm zur Verarbeitung der Meldedaten. Seit 2009 ist das Programm als C/S-Lösung (Client vor Ort, Terminal-Server beim RZ) im Einsatz. Ende diesen Jahres kommt eine browsergestützte Variante auf den Markt. Und für welcher Basis ist das Programmpaket konzipiert? Richtig, es läuft im MS-Umfeld.
    Und was bitte soll die geneigte Kommune machen, die nun weg will von MS? Was ist mit dem Datentransfer in andere Kommunen bei Umzug, Zuzug, Wegzug? Welches Softwarehaus schafft es aus dem Stand ein neues Einwohnerverfahren unter Open Source ans laufen zu bekommen? Und was passiert in der Zwischenzeit? Parallelverarbeitung der Daten unter MS und OpenSource? Wieder zurück zur Karteikarte und der Umzug von HH nach M dauert wieder drei Wochen? Mal ganz abgesehen von den vorhandenen Schnittstellen zu Textverarbeitung oder Tabellenkalkulation, die Macroseitig auf MS-Produkte abgestellt sind.
    2) Personenstandswesen
    Die Republik ist standesamtseitig auf zwei Firmen aufgeteilt, die eine Software für die Datenverarbeitung im Personenstandswesen herausgeben. Auf welcher Basis läuft diese? Richtig, sie ist auf ein MS-Umfeld ausgerichtet. Die aktuelle Version bei uns ist noch immer eine C/S-Anwendung, wie Meso auch. Und da ja die Daten laufen sollen und nicht der Bürger, “wandern” die Daten aus dem Einwohnerwesen ins Standesamt und umgekehrt. Das alles stellen wir also “per order de Mufti” mal eben auf OpenSource Produkte um? Herzlichen Glückwunsch!
    3) Finanzwesen
    Mit der Umstellung vom kameralen Verwaltungshaushalt auf den doppischen Haushalt kamen auch neue Verfahren zur Anwendung. Seit 2008 werden mit einer C/S-Anwendung die Finanzen der Verwaltung bearbeitet. 2014 wurde die Anwendung browsergestütz. Ab 2019 wird die nächste Version anlaufen. In welchem Umfeld? Richtig, auch hier kommen wieder MS-Produkte zum Einsatz.

    Das sind nur drei Anwendungsgebiete, in denen die Produkte von MS zum Einsatz kommen und die aufgrund von Vorgaben übergeordneter Stellen und von Verflechtungen mit anderen Anwendungen in anderen Kommunen “alternativlos” sind. Mir ist kein “alternatives” Produkt bekannt, das diese Anwendungen von Jetzt auf Gleich “ablösen” könnte.
    Sind Eure Kenntnisse weitergehend? Könnt Ihr ein Programm aus dem Bereich Finanzen, Personenstand, Einwohnerwesen, welches auf OpenSource basiert und von den übergeordneten Stellen freigegeben wurde, nennen? Wenn JA, her damit. Wenn NEIN, dann ist die ganze Diskussion überflüssig wie ein Kropf.

    Es geht hier nicht darum, mal einen Text zu erfassen oder eine Berechnung durchzuführen, für die der Taschenrechner nicht mehr ausreicht. Und ob der Mail-Client nun unter Linux (oder Artverwandten) oder einem MS-Produkt läuft, ist auch relativ unerheblich. Es geht hauptsächlich um die Anwendunge, die aufgrund ihrer Verflechtungen mit anderen Anwendungen auf das MS-Umfeld angewiesen sind. Noch ist nicht jede Anwendung so portierbar, dass sie auch unter einem beliebigen Browser läuft. Wie man gesehen hat, schreibt man eine Anwendung nicht “mal eben” so um, dass aus einer C/S-Anwendung eine bowsergestütze Anwendung wird, der das unter ihr liegenden OS egal ist.
    Vielleicht sind wir in zehn Jahren soweit, dass die Entwicklung hin zu Open Source, weg von MS bei den Entscheidungsträgern angekommen ist. Aber bis dahin ist m.M.n. jegliche Diskussion obsolet.

    • Rolf Dieter sagt:

      Alles absolut richtig.
      Nur läßt sich sicherlich für mindestens 100 Millionen Euro Softwaretechnisch unter Linux etwas auf die Beine stellen. Das das nicht mal so eben geht, ist auch klar. Aber bei so einer Umstellung sollte das natürlich vorher bedacht werden. Das wurde ja scheinbar nicht gemacht, was mich bei Beamten/Behörden auch wenig überrascht.
      Aber wenn ich z.B. mit je 10 Milionen wedele, werden sicherlich auch die “Marktführer” gefügig, oder?

    • Uwe sagt:

      Danke für den guten Beitrag. Er verdeutlicht Missverständnisse und Bedürfnisse sehr gut!

      Ich versuche mal einen Gegenentwurf und eine Klarstellung, bin in meinen Möglichkeiten aber begrenzter, als z.B. Günter Born u.a.

      Klar hat Microsoft die Strategie, sich unabkömmlich zu machen aber ist es tatsächlich so? Nur weil ich mein altes Terminal nun gegen einen richtigen (Windows)rechner mit dem Internet-Explorer oder Edge austausche, auf dem natürlich auch mein neues (Windows?)Meso läuft, muss ich nicht annehmen vollständig durch höhere Entscheidungen in der Microsoftwelt gefangen zu sein. Meso oder jede weitere Wettbewerbslösung ist das einzige „Gefängnis“ aus dem deutschen Mittelstand.

      Können die HSH Soft- u. Hardware Vertriebs GmbH oder andere Mittelständler mit kommunalem Schwerpunkt in der Softwareentwicklung nicht auch mit Linux umgehen? Sicher doch, an vielen Stellen habe ich etwas von Oracle und Datenbanklösungen auf Linuxbasis gelesen. Es gibt schon seit vielen Jahren so viele Initiativen. Das ist auch völlig normal, genauso normal wie heute (noch) der meist eingesetzte Windows-Desktop. Von erweiterten Möglichkeiten redet aber erstmal keiner, wenn er nicht explizit danach gefragt wird.

      Wenn mir davon nun einer tatsächlich erzählt, das er nicht mit einem Federstrich (adhoc) in der Lage ist, Meso und andere neuere Browseranwendungen auch im Firefox-Browser z.B. unter Linux-Mint zu öffnen, würde ich Inkompetenz oder Ignoranz unterstellen. Nebenbei wäre Textverarbeitung und Tabellenkalkulation mit allen MS-Schnittstellen auch gleich fachlich mit erledigt. Datenaustausch ist weniger Hexerei, als es sich der durchschnittliche Computeranwender heute noch vorstellt. Auch die Poweruser werden die Makros und Spezialitäten überall bewältigen. Es gibt heute nicht mehr diese klare Microsoftabhängigkeit, wie vor 10 oder 20 Jahren. Lediglich wenig weitsichtig programmierte Lösungen beschränken sich heute noch mit einer ausschließlich unter Windows 10 lauffähigen Version. Linux-Kompatibilität wird kostenfrei mit bestellt und spätestens in der 2. Version nachgereicht, wenn der Hersteller man zu kurz gesprungen ist.

      Was das kommunale Finanzwesen und die Doppik angeht kann ich sogar auf erste eigene Erfahrungen zugreifen, denn ich habe für viele Gemeinden und eine Stadt Eröffnungsbilanzen geprüft und glücklicherweise auch eine erfolgreiche Softwareumstellung eines Altprograms miterlebt (CIP Kommunal). Sorry da habe ich nichts gefunden, was Libre-Office als Alternative zu Excel Winword oder Powerpoint schachtmatt gesetzt hätte. Nur die Finanzlösung selbst war vorgeschrieben die zentral verarbeiteten Daten flogen danach selektiv über CSV in alle Tabellen jedes Wettbewerbers.

      Was das Umfeld angeht, habe ich den Eindruck, das Microsoft gerade erst versucht mit AZURE auch im Linuxfeld Fuss zu fassen. Solange dies Öffnung und nicht Verschluss oder Abschuss von freien Lösungen ist, dürfen deutsche Mittelständler wie HSH Soft- u. Hardware Vertriebs GmbH gern auf den Zug aufspringen.

      Wer jetzt nicht anfangen will, alles zu hinterfragen, der wird bald keine Fragen mehr gestellt bekommen. Dann wird alles nur noch vorgesetzt. Also springt dort wo es schon möglich ist und akzeptiert ggf. den Windows-Desktop noch eine kleine Weile, aber Bitte daheim schon mal die Linux CD oder den selbstgebrannten Linux-Stick einlegen und schauen, wie schrecklich das ganze ist 😉

      • Michael sagt:

        Tja, Theorie und Praxis sind aber zweierlei.

        Sicher könnten viele Anbieter auch OpenSource. Wenn es aber eben mal in der Praxis nicht der Fall ist, kannst du dich auf den Kopf stellen und dreimal mit der Linux CD wedeln.

        Ich will ja gar nicht abstreiten, dass es kein Fehler wäre, in der öffentlichen Verwaltung mehr auf Linux und OpenSource Lösungen zu setzen. Man darf aber eben auch nicht die Augen vor der Realität verschließen.

        Lösungsanbieter scheuen eben im Moment noch den Aufwand für zwei Welten Parallel zu entwickeln. solange 90% der öffentlichen Verwaltungen noch auf Microsoft vertrauen lohnt der Aufwand für die restlichen 10% eben noch nicht.

      • Cmd.Data sagt:

        “Lediglich wenig weitsichtig programmierte Lösungen beschränken sich heute noch mit einer ausschließlich unter Windows 10 lauffähigen Version.”

        DATEV?

        ELSTER?

  4. Ralf sagt:

    Ob nun Ubuntu so viel besser ist als Microsoft mit seinem Windows? Ubuntu mit seinen Alleingängen war auch nie so richtig Community-konform. Und Linux und Hardware kann einem auch so richtig graue Haare herbeizaubern. Hat Ubuntu gerade mit dem zerschossenen BIOS gezeigt.
    Und wenn man im professionellen Bereich Support zukaufen muss, dann ist es auch nichts mehr mit Geld sparen. Habe so manche Ausschreibung für Linux gerade hier den Bach abgehen sehen.
    Habe heute den ganzen Tag damit verbracht, Linux Arch für Arm v7 auf einem RaspBerry 3 mit Auslagerung auf USB-Stick zu installieren. Da hört der Spass schnell auf, wenn man Debian nicht verwenden möchte, Fedora die Anmeldung nach dem Sync auf den USB-Stick verweigert, Gentoo Probleme mit der nicht batteriegestützten Hardwareuhr auf dem RPI3 hat, Arch ohne GUI daherkommt und die Installationsanleitungen veraltet sind usw. usw. Da ist man den ganzen Tag im Internet recherchieren und findet oft nur veraltete Informationen, nach deren Anwendung man getrost wieder ganz von vorne beginnen kann. Manchmal ist es wie in alten Tagen mit Perl, wo die Interpretation des Sourcecodes aufgrund fehlender Doku mehr Zeit gekostet hat als die Scriptprogrammierung selbst.
    Kann auch schon verstehen, warum man das im professionellen Bereich scheut. Gerade wenn die Freaks, die Linux promoted haben, sich nach einer Zeit klammheimlich in andere Firmen abseilen. Ein funktionierender Desktop ist immer noch etwas anderes als eine Serverinstallation.

  5. Cmd.Data sagt:

    100 Millionen Umstellungskosten

    Ja und?

    Ist doch egal, denn die Dummk****, die diese Politker wählen, zahlen es mit ihren Steuern und Abgaben. Die Münchener habe es eh gut, wenn ich mir die Mietpreise dort anschaue. Bezahlt mal schön!

    @Nils

    Das Akzeptanzproblem ist schnell erläutert.

    Die Politiker wollten auf ihren Dienstcomputern SELBST Programme installieren. In jeder normalen Firma hätte man solche Personen einfach ausgelacht. Dienstrechner ist Dienstrechner. Da aber Politiker etwas besseres sind, WOLLTEN die auf “IHREN” Rechnern tun, was sie wollten.

    Und dann wundert man sich über Politikverdrossenheit.

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