Neuer Ärger im Facebook-Universum

Bei Facebook rappelt es mal wieder: Vorstände bei Tochterfirmen gehen, ausgeschiedene Gründer eingekaufter Startups plaudern aus dem Nähkästchen, wie es bei Facebook so zugeht; und eine neue Studie zeigt, dass Nutzerangaben wie die ‘aus Sicherheitsgründen zur Authentifizierung anzugebende Telefonnummer’ zu Werbezwecken für Unternehmen verwendet werden.


Anzeige

Instagram-Gründer gehen

Der ‘Foto-Sharing’-Dienst Instagram, besonders bei Jugendlichen beliebt, wurde u.a. von Kevin Systrom und Mike Krieger gegründet, gehört aber inzwischen zu Facebook. Jetzt wurde bekannt, dass die Gründer Facebook verlassen. Hier ist das Statement von Kevin Systrom.

Interessanter ist wohl diese Zusammenstellung, der auf das Warum eingeht. Die Gründer von Instagram verlassen Facebook, laut Bloomberg, nachdem die Spannungen mit dem Facebook Gründer und Vorstand Mark Zuckerberg stark angewachsen sind. Leute, die mit der Materie vertraut sind, haben Bloomberg wohl gesteckt, dass es Streit über die Richtung gab, in der die Foto-Sharing-App sich weiter entwickeln und Geld verdienen soll.

TechCrunch bezieht sich auf eigene Quelle, nachdem sich in diesem Jahr die Spannungen zwischen Instagram und der Führung von Facebook hinsichtlich der Autonomie von Instagram verstärkt. Bei der Übernahme hieß es noch, dass Instagram eigenständig bleiben solle. Aber im Mai 2018 wechselte Instagrams beliebter VP, Kevin Weil, in das neue Blockchain-Team von Facebook und wurde durch den ehemaligen VP von Facebook News Feed, Adam Mosseri, ersetzt – ein Mitglied des engen Kreises von Zuckerberg.

Laut Recode ziehen Instagram-Mitbegründer Kevin Systrom und Mike Krieger die Konsequenzen, nachdem sich wohl erheblicher Frust über die Agitation von Facebook-CEO Mark Zuckerberg aufgebaut hat. Der Frust geht laut Quellen auf die stärkere Einmischung und Kontrolle über Instagram durch Zuckerberg zurück.

Interview mit WhatsApp Gründer Brian Acton

Kommt ein Stein ins Rollen, wackeln auch andere Steine. Zeitgleich wurde ein Interview mit dem Mitgründer von WhatsApp, Brian Acton beim Nachrichtenmagazin Forbes veröffentlicht. Es ist ein sehr lesenswertes Interview, allerdings in Englisch. Die Kurzfassung geht so: Irgendwann hat Marc Zuckerberg sein Auge auf WhatsApp geworfen und die Gründer Brian Acton sowie Jan Koum mehrfach kontaktiert. Am 19. Februar 2014 wurde das 2009 gegründete Unternehmen für 19 Milliarden US $ durch Facebook aufgekauft.

Gegenüber Nutzern und der EU-Wettbewerbskommission gab Brian Acton die Zusicherung, dass WhatsApp von Facebook eigenständig bliebe. Zudem sollte WhatsApp keine Werbung anzeigen, sondern den Nutzern sinnvolle Funktionen bieten. Geld wollte man mit kostenpflichtigen Diensten für Firmen verdienen.

Im Interview kommt dann heraus, dass Facebook sich, trotz der Zusagen Zuckerbergs, sehr schnell in die Unternehmenspolitik einmischte. Die Botschaft, die sich durch das Interview zieht: WhatsApp sollte durch Weitergabe von Daten und schalten von Werbung Geld scheffeln. Es wird eine Begegnung mit Facebook COO Shery Sandberg geschildert, wo Brian seine Ideen, wie man mit WhatsApp Geld verdienen können, vorbrachte. Aber er wurde wohl grob abgebügelt, das bringe nicht genügend Geld: Daten von WhatsApp müssten her, um gezielt Werbung an die Nutzer auszuspielen.


Werbung

Es wurde wachsender Druck auf die WhatsApp-Gründer ausgeübt, und Brian Acton sah sich durch die WhatsApp-Datenübernahme durch Facebook als ‘Lügner in der Öffentlichkeit’ dargestellt. Denn er hatte ja den Nutzern und der EU-Kommission, basierend auf den Facebook-Zusagen, mitgeteilt, dass WhatsApp eigenständig bleibe.

Lange Rede kurzer Sinn: Facebook hat inzwischen WhatsApp unter Kontrolle und wird dort auch gezielte Werbung auf dem Statusbildschirm ausspielen. Nachdem Brian Acton ankündigte, WhatsApp verlassen zu wollen, wurde er im letzten Jahr zu Zuckerberg ins Büro gebeten. Dort saß bereits ein Facebook-Anwalt, um die Meinungsverschiedenheiten mit Zuckerberg, dass Facebook Geld durch Anzeigen auf WhatsApp verdienen wollte, mit zu diskutieren. Brian Acton hatte eine Klausel im Vertrag, dass 850 Millionen des Kaufpreises in Facebook-Aktien erst nach einer gewissen Verweilzeit im Unternehmen gezahlt würden – Ausnahme: Facebook mische sich in die WhatsApp-Geschäfte ein. Laut Interview machten die Juristen dem WhatsApp CEO schnell klar, dass dass WhatsApp nur Monetarisierungsinitiativen untersucht und nicht “umgesetzt” habe. Ergo: Die 850 Millionen US $ würden durch das Ausscheiden verfallen. Zuckerberg hatte seinerseits eine einfache Botschaft an Brian Acton: “Das ist wahrscheinlich das letzte Mal, dass du mit mir redest.”

Brian Acton verließ WhatsApp letztes Jahr und verzichtete wohl auf die 850 Millionen Dollar, um seinen moralischen Prinzipien treu zu bleiben, wie Forbes schreibt. Es ist ein interessanter Einblick in die Facebook-Galaxie, wo es knallhart um Geld-verdienen geht.

Ergänzung: heise.de hat in diesem Artikel das Forbs-Interview mit Acton aufbereitet. Wer nicht ganz so fit in Englisch ist, kann dort die Essentials heraus ziehen.

Inzwischen hat David Markus, vormals President bei PayPal, heute Vice President of Messaging Products bei Facebook, seine ‘private’ Meinung zum Forbes-Interview auf Facebook veröffentlicht. Laut Markus habe Zuckerberg WhatsApp wohl sehr lange vor dem, ich drücke es mal so aus ‘Geldverdienen müssen’ geschützt. Kein Unternehmen halte zugekaufte Gründer wie die WhatsApp- und Instagram-Leute so lange wie Facebook und gebe diesen solche Chancen. Im übrigen sei es unterste Schublade, wenn jemand Millionen mit einem Unternehmensverkauf erhalte, um dann per Interview nach zu karten.

Ich kann es nicht alles beurteilen und habe die Texte nur quer gelesen. Hier bilde ein jeder seine eigene Meinung. Egal, wer Recht hat, ich finde es schon spannend, im Nachhinein zu erfahren, wie bestimmte Aussagen von Brian Acton in diesem Licht zu betrachten sind. Und zu verfolgen, wie ‘schmutzige Wäsche gewaschen wird’, war schon immer spannend für Außenstehende. Brian Acton arbeitet übrigens jetzt an der Signal-App und dem betreffenden Dienst.

Facebook gibt Werbepartnern Zugriff auf Schattenprofile

Und da ist sie wieder, die schmutzige Seite des Facebook-Geschäfts. Seit dem Cambridge-Analytica-Skandal wird ja auch über Schattenprofile von Facebook diskutiert. Das sind Datensätze, die Facebook von seinen Nutzern hat, ohne dass diese in Facebook etwas gepostet haben. So wird beispielsweise eine E-Mail-Adresse zur Anmeldung, der Wohnort etc. im Profil abgefragt. Und Facebook fragt aus Sicherheitsgründen, falls der Zugang verloren geht, nach einer Telefonnummer.

Bei Gizmodo ist jetzt ein brisanter Artikel von Kashmir Hill (Datenschutzaktivistin) erschienen. Thema: Es gab die Vermutung, dass Facebook Werbekunden Zugriff auf die Schattenprofile ermöglicht. Hill schreibt, dass sie mit dem Informatikprofessor namens Alan Mislove die Theorie überprüfen wollte, dass Facebook Daten aus Schattenprofilen für Anzeigen verwendet. Sie hat daher vorige Woche eine Anzeige auf Facebook geschaltet, die sich an den Informatikprofessor Alan Mislove richteten und auf dessen Facebook-Profil angezeigt werden sollte.

Zum Hintergrund: Mislove untersucht, wie der Datenschutz in sozialen Netzwerken funktioniert und hatte die Theorie, dass Facebook es Werbetreibenden ermöglicht, Nutzer mit Werbeanzeigen über Kontaktinformationen zu erreichen, die auf ‘überraschende Weise’ (in den Schattenprofilen) gesammelt wurden. Das Schalten der Facebook-Anzeige durch Kashmir Hill war der Versuch, diese Theorie zu testen. Dazu nutzte Hill die Anzeigenschaltung an Alan Mislove auf eine Weise, von der Facebook vorher behauptet hatte, dass dies nicht funktionieren würde.

FB-Anzeige
(Screenshot der FB-Anzeige, Quelle Gizmodo)

Die Anzeige an Alan Mislove wurde auf ein Facebook-Konto geleitet, das mit der Festnetznummer für Alan Misloves Büro verbunden ist. Diese Nummer hat Mislove, laut dem Gizmodo-Artikel, noch nie für Facebook bereitgestellt. Trotzdem sah Mislove die Anzeige innerhalb weniger Stunden.

Eine der vielen Möglichkeiten, wie Anzeigen zu Nutzern von Facebook und Instagram gelangen, ist, dass Facebook einen Werbetreibenden eine Liste von Telefonnummern oder E-Mail-Adressen hochladen lässt, die dieser in einer Datei vorliegen hat. Facebook schaltet dann die Anzeige bei allen Konten, die mit diesen Kontaktinformationen verknüpft sind. Ein Bekleidungshändler kann eine Anzeige für ein Kleid in den Instagram-Feed von Frauen schalten, die zuvor bei diesem gekauft haben. Ein Politiker kann Facebook-Anzeigen an Facebook-Nutzer über seiner vorliegende Mailingliste platzieren. Oder ein Casino kann Angebote über E-Mail-Adressen von Personen ausspielen, die im Verdacht stehen, eine Spielsucht zu haben. Facebook nennt dies “Anzeigen für ein maßgeschneidertes Publikum” (“custom audience”).

Man könnte als Facebook-Nutzer in sein Facebook-Profil gehen und auf der “Kontakt- und Basisinfoseite” nachsehen, welche E-Mail-Adressen und Telefonnummern mit dem Konto verknüpft sind. In der Hoffnung, dass nur diese Daten Werbetreibenden für Anzeigen zur Verfügung stehen. Aber dann unterschätzt man Facebook, da diese über Data-Mining Schattenprofile anlegen und dort vielfältige andere Daten sammeln. Das Unternehmen geht dabei weniger transparent und invasiver vor.

Facebook reicht es nicht, die Kontaktinformationen, die Benutzer freiwillig in ihr Facebook-Profil eingetragen haben, für Werbezwecke zu verwenden. Es verwendet auch Kontaktinformationen, die Benutzer zu Sicherheitszwecken übergeben haben, und Kontaktinformationen, die man überhaupt nicht angegeben hat. Diese stammen beispielsweise aus den Kontaktbüchern anderer Personen, oder wurden über andere Datensätze den Schattenprofilen zugeordnet.

Kashmir Hill hat für die Facebook-Anzeige an Alan Mislove genau diese Informationen aus seinem Schattenprofil anvisierte. Sie schreibt: Dies bedeutet, dass die Junk-E-Mail-Adresse, die Sie für Rabatte oder für zwielichtige Online-Shopping übergeben, wahrscheinlich mit Ihrem Konto verbunden ist und verwendet wird, um Sie mit Anzeigen zu erreichen. Im englischsprachigen Artikel finden sich weitere Details.

Wie schreibt Forbes über Jan Koum? Kurz nach Bekanntwerden des Facebook-Cambrige-Analytica-Skandal hat Jan Koum den Tweet “It is time. #deletefacebook.” abgesetzt. Das scheint alles noch nicht das Ende der Geschichte zu sein.

PS: Noch habe ich ein Facebook-Konto, welches zum Promoten meiner Blogs (dort poste ich Artikellinks) dient. Kürzlich habe ich aber schon mal meine (zugegebenermaßen nicht gepflegten) Facebook-Seiten gelöscht. Und die Logos für Social Network-Seiten hier im Blog sind statische Bilder mit Link zu meinen Profilen. So kann m.W. keines der Netzwerke über diese Logos den Besuch im Blog tracken.

Ähnliche Artikel:
Steigender Vertrauensverlust in Facebook, Google & Co.
‘Höchststrafe’ für Facebook in England im Analytica-Skandal
Datenlecks Ende Juni 2018: Adidas, Facebook, Exactis
Forscher warnte bereits 2014 vor Facebook-Analytica-Skandal
Löchriges Datenschutzsieb: Die Facebook-Katastrophe
Facebook, die DSGVO und Benachrichtigungen
DSGVO? Und WhatsApp teilt Nutzerdaten mit Facebook
Android-Trojaner stiehlt Daten von Facebook, Skype & Co.
Firefox bringt Facebook-Container als Tracking-Blocker
Nachbeben im Facebook/Cambridge Analytica-Skandal


Anzeige
Dieser Beitrag wurde unter Facebook abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Responses to Neuer Ärger im Facebook-Universum

  1. Blupp sagt:

    Zum PS: ….

    Danke dafür :-)

  2. Crispp sagt:

    Dein “Brian Acton Gives” heißt nur “Brian Acton”… ;-)

  3. Werbung

  4. Wer dort noch angemeldet oder sich noch anmeldet und nicht mit Fake Account ist eigentlich selber schuld.
    Aus meinem Bekanntenkreis sind glaube ich nur noch 2% wegen Firmen Accounts angemeldet.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.